Bei der Umfrage wurden Ökonomen auch zu Themen befragt, die nicht zu ihrem Spezialgebiet zählen. Das wurde kritisiert. Zu Unrecht, wie ich finde. Auch spezialisierte Ökonomen sollten zu allgemeinen makroökonomischen Fragen Stellung nehmen können. Dafür sollte die Grundausbildung von Volkswirten bis zum Diplom reichen. Ökonomen haben eine Aufgabe in der Gesellschaft und sollten Antworten auf Probleme geben. Die Ökonomen, die nicht bereit sind, Stellung zu beziehen, zählen meist nicht zur wissenschaftlichen Spitze. Das ist in den USA anders, da gibt es eine Reihe Nobelpreisträger, die ohne Probleme qualifizierte Antworten geben, wenn sie zu aktuellen Themen befragt werden.
Gefreut hat mich an den Ergebnissen der Umfrage, dass sich 41 Prozent der Befragten als Anhänger der Lehrmeinung von institutioneller Ökonomik und Public Choice einordnen. Diese Schule betrachtet die Wirtschaft nicht isoliert, sondern immer im Zusammenhang mit der politischen Sphäre. Sie untersucht, ob sich ein wirtschaftspolitischer Vorschlag durchsetzen lässt und welche Auswirkungen die Politik auf die Wirtschaft hat. Ich finde es auch erfreulich, dass 40 Prozent gerne Minister werden würden. Das hätte ich nicht gedacht, da ein großer Teil der Volkswirtschaftslehre sehr abstrakt geworden ist und nicht problemorientiert.
Es hat mich überrascht, dass nur sechs Prozent dafür sind, dass eine Notenbank die Geldmenge in der Wirtschaft einfach konstant wachsen lässt. Vor 10 bis 15 Jahren war das noch die Orthodoxie. Seither haben sich die Ansichten der Ökonomen stark gewandelt. Es hat mich auch gefreut, dass nur ein Viertel die Mathematik als sehr wichtig einstuft. Ich bin ja einer derjenigen, die finden, dass in der Volkswirtschaftslehre zu viel reine Mathematik ohne Problemorientierung betrieben wird.
Enttäuschend fand ich, dass 64 Prozent der Befragten nie im Ausland tätig waren. Es ist heute unbedingt notwendig, dass man ins Ausland geht und nicht nur per E-Mail Kontakte dorthin unterhält. Persönliche Kontakte sind enorm wichtig. Einige deutsche Ökonomen sind heute sehr international, aber offenbar ist ein großer Teil an Deutschland gebunden und hat wenig echte, tiefe Kontakte über die Grenzen hinaus. Es muss nicht immer Amerika sein, als Zielländer bieten sich auch Großbritannien, Australien oder kontinentaleuropäische Länder an. Es gibt so viele Förderprogramme, dass es wirklich einfach ist, ins Ausland zu gehen.
Überrascht hat mich, dass 48 Prozent der Ökonomen die Steuerlast in Deutschland insgesamt nicht als zu hoch empfinden. Ich hätte gedacht, dass die meisten sie für zu hoch halten. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Deutschen an hohe Abgaben gewöhnt haben, da sie nicht so leicht ausweichen können wie wir in der Schweiz. Hier gibt es Kantone, in denen die Steuerbelastung niedriger ist als in anderen. Erfreulich fand ich, dass 68 Prozent die Macht der Gewerkschaften einschränken möchten. Mir scheint, dass die deutschen Gewerkschaften nur rückwärts gewandt sind.
Bruno Frey ist Professor an der Universität Zürich. Er war an der Vorbereitung der Umfrage beteiligt und will die Ergebnisse bis zum Herbst zusammen mit dem Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik, Friedrich Schneider, ökonometrisch und detailliert auswerten.