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Merken   Drucken   31.05.2006, 11:59 Schriftgröße: AAA

Ökonomen-Umfrage Teil 4: Deutsche Ökonomen auf Identitätssuche

Seit die FTD vor zwei Wochen die große Umfrage zum Selbstverständnis deutscher Ökonomen veröffentlichte, debattiert die Zunft lebhaft über die Ergebnisse. Hier schreiben nun einige der renommiertesten Vertreter, wie sie die Ergebnisse einordnen und was die Wirtschaftswissenschaftler daraus lernen könnten. von Friedrich Geiger und Thomas Fricke, Berlin
Viele wundern sich, dass nur ein Drittel der Wissenschaftler angab, schon einmal im Ausland geforscht zu haben. Andere zeigten sich erstaunt, wie unterschiedlich die Antworten der Experten auf manche Fragen ausfielen. Und es gab sogar Zweifel, ob es überhaupt gut sei, deutsche Ökonomen zu so vielen allgemeinen wirtschaftspolitischen Themen zu befragen - wo doch jeder eigentlich sein Spezialgebiet habe.
In der FTD schreiben nun einige der renommiertesten Vertreter der Zunft, wie sie die Ergebnisse einordnen und was die Wirtschaftswissenschaftler daraus lernen könnten. Eher kritisch bewertet zum Beispiel Allianz-Chefökonom Michael Heise dabei, dass nur 48 Prozent der Befragten eine gute Kenntnis der aktuellen Wirtschaftslage für sehr wichtig erachten. Der Berliner Ökonom Kai Konrad verteidigt dagegen die Theorie: Wer sich als Theoretiker wissenschaftliches Renommee erworben habe, könne anschließend in der Politikberatung brauchbare praktische Vorschläge unterbreiten.
Der Züricher Professor Bruno Frey, der an der Vorbereitung der Umfrage beteiligt war, hält es derweil für legitim, die Kollegen auch zu Themen außerhalb ihres Fachbereichs zu befragen: "Ökonomen haben eine Aufgabe in der Gesellschaft und sollten Antworten auf relativ allgemein gehaltene wirtschaftspolitische Fragen geben können."
Die Umfrage wurde gemeinsam von der FTD und dem Verein für Socialpolitik geführt, einer traditionsreichen deutschen Ökonomenvereinigung. Insgesamt antworteten vom 20. März bis zum 26. April 551 Experten auf die Fragen. Es war die erste Umfrage dieser Art unter deutschen Ökonomen seit 25 Jahren.
Diskutieren Sie mit uns über die Ergebnisse der Umfrage in unserem Weblog Ökonomen-Welten unter:
Von den Befragten würden 73 Prozent ein Amt in der Politikberatung annehmen. Das ist etwas naiv. Politikberatung ist ein schwieriges Geschäft. Platons Gelehrtenrepublik kann nicht funktionieren. Überraschend ist, wie viele Ökonomen an die Steuerbarkeit der Konjunktur glauben. Sie vergessen die Probleme der politischen Umsetzung. Negativ finde ich auch, dass so viele dagegen sind, dass Regierungen im konjunkturellen Abschwung konsolidieren. Empirische Ergebnisse der Forschung zeigen, dass nur Konsolidierung von der Ausgabenseite wirkt, nicht von der Einnahmenseite. Bei Konsolidierung von der Ausgabenseite erwarten die Leute zukünftig eine niedrigere Steuerlast, was das Wirtschaftswachstum fördert. Dass nur wenige Befragte schon im Ausland gearbeitet haben, spricht nicht für sie. Manche Fragen finde ich falsch gestellt, beispielsweise die, ob die Notenbank für eine konstant wachsende Geldmenge sorgen solle. Die Geldmenge muss nicht konstant wachsen, sondern die Ausweitung sollte im Trend dem Potenzialwachstum entsprechen.
Manfred Neumann ist Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften.
Bei der Umfrage wurden Ökonomen auch zu Themen befragt, die nicht zu ihrem Spezialgebiet zählen. Das wurde kritisiert. Zu Unrecht, wie ich finde. Auch spezialisierte Ökonomen sollten zu allgemeinen makroökonomischen Fragen Stellung nehmen können. Dafür sollte die Grundausbildung von Volkswirten bis zum Diplom reichen. Ökonomen haben eine Aufgabe in der Gesellschaft und sollten Antworten auf Probleme geben. Die Ökonomen, die nicht bereit sind, Stellung zu beziehen, zählen meist nicht zur wissenschaftlichen Spitze. Das ist in den USA anders, da gibt es eine Reihe Nobelpreisträger, die ohne Probleme qualifizierte Antworten geben, wenn sie zu aktuellen Themen befragt werden.
Gefreut hat mich an den Ergebnissen der Umfrage, dass sich 41 Prozent der Befragten als Anhänger der Lehrmeinung von institutioneller Ökonomik und Public Choice einordnen. Diese Schule betrachtet die Wirtschaft nicht isoliert, sondern immer im Zusammenhang mit der politischen Sphäre. Sie untersucht, ob sich ein wirtschaftspolitischer Vorschlag durchsetzen lässt und welche Auswirkungen die Politik auf die Wirtschaft hat. Ich finde es auch erfreulich, dass 40 Prozent gerne Minister werden würden. Das hätte ich nicht gedacht, da ein großer Teil der Volkswirtschaftslehre sehr abstrakt geworden ist und nicht problemorientiert.
Es hat mich überrascht, dass nur sechs Prozent dafür sind, dass eine Notenbank die Geldmenge in der Wirtschaft einfach konstant wachsen lässt. Vor 10 bis 15 Jahren war das noch die Orthodoxie. Seither haben sich die Ansichten der Ökonomen stark gewandelt. Es hat mich auch gefreut, dass nur ein Viertel die Mathematik als sehr wichtig einstuft. Ich bin ja einer derjenigen, die finden, dass in der Volkswirtschaftslehre zu viel reine Mathematik ohne Problemorientierung betrieben wird.
Enttäuschend fand ich, dass 64 Prozent der Befragten nie im Ausland tätig waren. Es ist heute unbedingt notwendig, dass man ins Ausland geht und nicht nur per E-Mail Kontakte dorthin unterhält. Persönliche Kontakte sind enorm wichtig. Einige deutsche Ökonomen sind heute sehr international, aber offenbar ist ein großer Teil an Deutschland gebunden und hat wenig echte, tiefe Kontakte über die Grenzen hinaus. Es muss nicht immer Amerika sein, als Zielländer bieten sich auch Großbritannien, Australien oder kontinentaleuropäische Länder an. Es gibt so viele Förderprogramme, dass es wirklich einfach ist, ins Ausland zu gehen.
Überrascht hat mich, dass 48 Prozent der Ökonomen die Steuerlast in Deutschland insgesamt nicht als zu hoch empfinden. Ich hätte gedacht, dass die meisten sie für zu hoch halten. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Deutschen an hohe Abgaben gewöhnt haben, da sie nicht so leicht ausweichen können wie wir in der Schweiz. Hier gibt es Kantone, in denen die Steuerbelastung niedriger ist als in anderen. Erfreulich fand ich, dass 68 Prozent die Macht der Gewerkschaften einschränken möchten. Mir scheint, dass die deutschen Gewerkschaften nur rückwärts gewandt sind.
Bruno Frey ist Professor an der Universität Zürich. Er war an der Vorbereitung der Umfrage beteiligt und will die Ergebnisse bis zum Herbst zusammen mit dem Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik, Friedrich Schneider, ökonometrisch und detailliert auswerten.
Einige scheinen sich daran zu stören, dass die befragten Ökonomen sich bei vielen Punkten nicht einig sind. Ich finde das gar nicht problematisch. In der Wissenschaft kann man nicht per Abstimmung entscheiden, was stimmt. Man sollte Widerspruch als kreative Quelle neuer Ideen sehen. Überrascht hat mich, dass nur wenige Befragte schon im Ausland tätig waren. Ich glaube nicht, dass die deutsche Volkswirtschaftslehre so provinziell ist. Lehrtätigkeiten im Ausland sind ja nicht der einzige internationale Austausch. Die meisten Kollegen haben Kontakte ins Ausland. Kaum einer ist nicht irgendwie in ein internationales Netzwerk eingebunden. Jede deutsche Universität hat mit ausländischen Unis Kooperationsvereinbarungen.
Wenig überraschend ist, dass die deutschen Ökonomen sehr stark auf nordeuropäische Länder als Vorbild für Deutschland setzen. Man kann nicht nur auf die USA blicken und eine Wirtschaftsordnung nicht eins zu eins übernehmen, aber man kann die Erfahrung kleiner Länder rund um Deutschland zu einem Mosaik zusammensetzen und so lernen.
Thomas Straubhaar ist Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs.
Ökonomen spielen in Deutschland keine so herausragende Rolle wie in anderen Ländern, schon aus diesem Grund fand ich es gut, die Zunft in einer Umfrage zu befragen. Es hat mich überrascht, dass nur 48 Prozent angegeben haben, Wissen über die aktuelle Wirtschaftslage sei für einen guten Ökonomen sehr wichtig. Ich hätte erwartet, dass 90 Prozent dies sagen, denn Ökonomen, die von der Politik beachtet werden wollen, müssen meines Erachtens zeitnah informiert sein.
Deutsche Ökonomen ziehen es offenbar vor, allein in ihrer jeweiligen Spezialdisziplin voranzukommen. Sie haben keine starken Anreize, sich in der Öffentlichkeit zu exponieren. In den USA ist das anders. Dort steigen die Gehaltsmöglichkeiten von Universitätsprofessoren, wenn sie in der Öffentlichkeit bekannt sind und deshalb viele Studenten zu ihnen kommen. Das sollte auch in Deutschland honoriert werden. Das Potenzial an hervorragenden, auch empirisch orientierten Ökonomen ist nämlich vorhanden. Neben den in der Umfrage genannten Ökonomen wie Bert Rürup, Axel Weber oder Wolfgang Franz gibt es viele andere, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind, aber wichtige Beiträge leisten. Es wäre zu begrüßen, wenn von denen mehr aus ihrem Elfenbeinturm herausträten und sich in die Politik einmischten.
Michael Heise ist Chefökonom der Allianz.
Die meisten Befragten haben hervorgehoben, dass Flexibilisierung am Arbeitsmarkt und eine Gesundheitsreform notwendig seien, und befürworten eine stärkere Lohndifferenzierung. Als Rezept für den Niedriglohnsektor hat die aktivierende Sozialhilfe die meiste Zustimmung erhalten. Daraus lässt sich schließen, dass sich viele für die Förderung des Niedriglohnsektors aussprechen. Aber diese Förderung macht Ausbildung weniger attraktiv. Ich finde es deshalb fraglich, ob man den Niedriglohnsektor überhaupt fördern sollte. Es ist durchaus fragwürdig, ob die Nische Deutschlands in der internationalen Arbeitsteilung bei gering bezahlten Tätigkeiten liegen sollte. Wenn unsere Nische nicht im Niedriglohnsektor liegt, sollten wir besser in Ausbildung investieren.
Häufig werfen die Antworten weitere Fragen auf. Etwa bei der obligatorischen Kapitaldeckung für die Rente, die stark befürwortet wird: Wie kommt man vom jetzigen Rentensystem zum neuen System? Es haben sich auch viele für eine schnellere Einführung der Rente mit 67 ausgesprochen. Wie? Ich bin für eine Lösung auf freiwilliger Basis: Diejenigen, die möchten, sollen auch später in Rente gehen können. In den USA oder Großbritannien messen Ökonomen den Anreizen eine viel höhere Bedeutung bei. In den angelsächsischen Ländern würde man die Sozialleistungen viel abhängiger davon machen wollen, ob die Betreffenden bereit sind, einer Beschäftigung nachzugehen. Die deutschen Ökonomen haben bei vielen Reformfragen eher zaghaft geantwortet. Vielleicht sind sie von den Gegebenheiten schon zu stark beeinflusst. Vielleicht waren die Antworten zu zaghaft, weil die Befragten nicht glauben, dass große Schritte gemacht werden können. Dabei haben andere Länder große Schritte gemacht, beispielsweise Dänemark. Das dänische Konzept "Flexicurity" bedeutet mehr Sicherheit durch größere Anpassungsfähigkeit. Wenn Dänen arbeitslos werden, sinkt ihr Einkommen nur wenig, aber sie müssen jede ihnen angebotene Beschäftigung annehmen.
Politiker können aus den Umfrageergebnissen viel lernen. Es wäre eine gute Arbeitsteilung, wenn Politiker Ziele vorgeben, während die Ökonomen ausrechnen, wie man diese Ziele erreicht.
Dennis Snower ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.
Es hat mich überrascht, dass die Kenntnis der aktuellen Lage nicht einmal für die Hälfte der Ökonomen wichtig ist. Wie will man da ökonomische Probleme lösen? Es ist auch ein Widerspruch, dass trotzdem 73 Prozent in die Politikberatung wollen. Der Fokus vieler deutscher Ökonomen liegt auf Grundlagenforschung. Angelsächsische Ökonomen sind eher bereit, sich in die Niederungen der Realität zu begeben. Überraschend ist, dass die Mathematik so wenig Zuspruch hat. Man braucht Mathematik, um die Realität zu untersuchen. Nur wenige beziehen sich derweil auf die ordoliberale Schule, am meisten Anhänger hat die Neoklassik. Da wird oft argumentiert, die ordoliberale Schule sei normativ und wir seien heute wertfrei und daher Neoklassiker. Die Anhänger der Neoklassik ziehen sich dabei in die Theorie zurück. Doch diese Illusion der Werturteilsfreiheit beinhaltet ein beachtliches Maß an Naivität. Schon Herbert Giersch hat gesagt, man müsse am Anfang sagen, wo man steht.
Michael Hüther ist Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.
Es mag widersprüchlich wirken, dass drei Viertel der Befragten ein Amt in der Politikberatung annehmen würden und es nur 48 Prozent für sehr wichtig halten, über die Wirtschaftslage Bescheid zu wissen. Ich sehe das anders. Zwischen beidem muss kein Widerspruch bestehen. Für einen jungen Volkswirt kann es erst einmal wichtiger sein, theoretische Forschung zu betreiben, um als Ökonom erfolgreich zu sein. Danach kann er sich Beratungsaufgaben zuwenden. Das ist in den USA auch so, wo die Regierungsberater im Council of Economic Advisers zuvor auf theoretischem Gebiet oft Großes geleistet haben, um dann als Berater konkrete wirtschaftspolitische Probleme zu behandeln. Joseph Stiglitz' theoretische Arbeiten in den 70er und 80er Jahren haben auf den ersten Blick wenig mit seiner späteren Tätigkeit bei der Weltbank zu tun. Man muss sich nicht mit allen Themen auskennen, sondern es reicht, über jenes Thema Bescheid zu wissen, zu dem man sich als Berater äußert.
Manche Umfrageergebnisse halte ich nicht für sehr aussagekräftig. Eine Frage lautete etwa, ob man der Aussage zustimmt, dass der auf seinen Vorteil bedachte und rational handelnde Homo oeconomicus ein Zerrbild der Wirklichkeit und deshalb unbrauchbar sei. Das sind zwei Aussagen auf einmal. Natürlich ist das Handeln von Menschen von vielen Motiven geleitet. Aber das bedeutet nicht, dass eine solche Abstraktion und Fokussierung unbrauchbar ist. Abstraktion und Fokussierung gehören zum Rüstzeug für gute wissenschaftliche Arbeit.
Kai Konrad ist Direktor der Abteilung "Marktprozesse und Steuerung" am Wissenschaftszentrum Berlin.
  • Aus der FTD vom 31.05.2006
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