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Merken   Drucken   15.12.2006, 06:59 Schriftgröße: AAA

Optimist zur rechten Zeit

Dossier Vor einem Jahr galt es noch als außergewöhnlich mutig, den Deutschen überhaupt ein Wirtschaftswachstum von spürbar mehr als einen Prozent zuzutrauen. von Hubert Beyerle und Thomas Fricke (Berlin)
In den letzten Tagen des Jahres 2006 ist klar: Es dürften in Wahrheit eher 2,5 Prozent gewesen sein, im Grunde sogar drei Prozent, wenn man berücksichtigt, dass es 2006 weniger Arbeitstage gab und die Statistiker Aufschwünge bei ersten Erhebungen regelmäßig unterschätzen.
So viel Wachstum hat für Deutschland 2006 kein einziger professioneller Prognostiker vorhergesagt. Ein paar haben es wenigstens geahnt und heben sich damit schon deutlich ab. Drei der ausgewerteten gut 50 Auguren setzten das Wachstum schon im Dezember 2005 mit immerhin zwei Prozent an. Am genauesten traf dabei der Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise, den die FTD als den Top-Prognostiker 2006 ausgemacht hat.
Noch vor Weihnachten erhöhten Heise und sein Volkswirteteam ihre Prognose auf zwei Prozent - fast doppelt so viel, wie damals die notorisch skeptische EU-Kommission für möglich hielt. Der Exportboom werde jetzt die Investitionen und selbst die Beschäftigung in Deutschland mitziehen, sagte Heise damals. Mit seiner Vorhersage, dass die Ausrüstungsinvestitionen 2006 mit einer Rate von mehr als sieben Prozent zulegen würden, lag er ebenso richtig. Auch den Anstieg des Konsums um rund ein Prozent sah er relativ präzise so kommen. Und: Er war unter den Ersten, die im Frühjahr ahnten, dass das Wachstum am Ende sogar über zwei Prozent steigen würde.
Ähnlich zuversichtlich gab sich Ende 2005 Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter: "2006 wird ein Superjahr." Der Haken: Anders als die meisten Profis wagte Walter diesmal keine genaueren Prognosen zu Konsum, Investitionen oder Export, weshalb er auch schwer zu vergleichen ist mit der Konkurrenz. Zum Prognostiker des Jahres gehört mehr als nur eine Zahl zum Gesamtwachstum.
Auch die Zwei-Prozent-Prognose von Vorjahressieger Carsten Klude von M.M. Warburg hat einen Schönheitsfehler. Als Klude Mitte Dezember zum Prognostiker 2005 gekürt wurde, hielt er für 2006 nur ein Wachstum von 1,5 Prozent für möglich, das Heraufsetzen auf zwei Prozent folgte erst zum Jahreswechsel. Auch die Beschleunigung des Aufschwungs im Frühjahr erkannte Klude später als Allianzer Heise.
Auf die drei Top-Prognostiker folgt mit etwas Abstand das große Mittelfeld, zu dem ganz oben die regelmäßig gut abschneidenden Experten Véronique Riches-Flores von der Société Générale und Holger Schmieding von der Bank of America zählen. Beide haben ähnlich früh wie Heise vom nahenden Aufschwung geschrieben, allerdings nicht den Mut gehabt, auch ihre Prognosezahl entsprechend stark hochzusetzen.
Die schlechtesten Prognosen haben die gemacht, die stets am heißesten gehandelt werden: neben der EU auch der IWF. Und die Bundesregierung, die den Aufschwung, den sie sich jetzt auf ihre Fahnen schreibt, selbst gar nicht prognostiziert hat. Da sage noch jemand, Regierungen hätten einen Hang, die Lage schönzureden. In Deutschland galt 2006 das Gegenteil.
  • Aus der FTD vom 15.12.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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