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Merken   Drucken   14.09.2005, 09:18 Schriftgröße: AAA

Oskar Lafontaine: Schein und Sein  

Nach sechs Jahren Vorruhestand macht der Ex-SPD-Chef ein weiteres Mal Wahlkampf - für WASG und Linkspartei. Seine neuen Kollegen sollten wissen, dass er unter Zusammenarbeit vor allem Gefolgschaft versteht. von Maike Rademaker und Claus Hulverscheidt, Berlin
Umstrittener Spitzenkandidat der Linkspartei: Oskar Lafontaine ...   Umstrittener Spitzenkandidat der Linkspartei: Oskar Lafontaine startete im Mai seine zweite Karriere als Politiker
Er mag sie nicht. Nicht die Lederwestenhelden, die Baskenmützenträger, die Rauschebärte mit ihren Sponti-Aufklebern. Als Oskar Lafontaine auf dem Parteitag der Linkspartei in Essen zu seinem Platz geht, zieht er den Kopf ein, der Nacken wird steif. In der Pause strömen die Genossen ins Foyer, um zu rauchen, der Spitzenkandidat aber bleibt sitzen. Man hat ein gemeinsames Ziel. Viel zu sagen aber hat man sich nicht.
Die Verschmelzung von Partei und Kandidat gelingt erst, als Lafontaine die Bühne betritt. Aus dem eben noch lustlosen Politrentner wird fast auf Knopfdruck die wütende Furie, aus den gelangweilten Zuhörern werden ergriffene Jünger. Niemand in dem neuen Bündnis aus Linkspartei - ehemals PDS - und WASG hat eine solche rhetorische Kraft wie der Ex-SPD-Chef, eine solche Urgewalt. Selbst Gregor Gysi kann nur bewundernd einräumen, dass man "auf solche Sätze", wie Lafontaine sie im Minuten-Stakkato drischt, "erst mal kommen muss".
Der Saarländer wettert gegen alle und alles, gegen Neoliberale, Rentenkürzer und Kriegstreiber, gegen ehemalige Freunde, gegen sein Image als Verräter und rachegetriebener Verlierer. "Schaum vor dem Mund", attestiert er SPD und Grünen und redet über falsche Zitate und unvorteilhafte Fotos, dass Joschka Fischer geschmacklos sei, die Grünen keine Grünen, sondern Verwelkte, und überhaupt, die Welt sei ein Spielcasino geworden, und nur er - pardon, die neue Linke in Deutschland - könne dies ändern.
"Zwei Gockel auf einem Mist"
Es passiert Lafontaine des Öfteren, dass er die Partei, für die er antritt, vergisst zu erwähnen. Dennoch ist der Eindruck, es gehe ihm weniger um den Rachefeldzug des kleinen Mannes, als vielmehr um einen persönlichen, natürlich falsch: Er wolle, so versichert der 61-Jährige, mit "meinem Freund" Gregor Gysi eine Fraktion anführen, die im Bundestag die einzige Alternative zum angeblich herrschenden "neoliberalen Mainstream" darstellen werde.
Lafontaine, der ehemalige SPD-Chef, Ministerpräsident, Bundesfinanzminister und Kanzlermacher als Oppositionsführer einer Acht-Prozent-Truppe? Als Vertreter einer ostdeutsch geprägten Kaderpartei mit 60.000 Mitgliedern, die meisten davon im Rentenalter? Als Co-Vorsitzender neben einem zweiten Alphatier namens Gysi?
Es gibt manche, die sich das nicht vorstellen können. "Haben Sie schon mal zwei Gockel auf einem Mist gesehen?", hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kurt Beck etwas boshaft gefragt und damit den Eindruck vieler Menschen wiedergegeben. Lafontaine kontert mit Scherzen über die "ach so uneitlen" Herren Schröder und Fischer.
Gysi sollte dennoch gewarnt sein, denn sein neuer Partner hat schon in seinem ersten Politikerleben unter Beweis gestellt, dass er unter Zusammenarbeit vor allem Gefolgschaft versteht und im Zweifel nicht nur eine Partei, sondern auch Freunde im Regen stehen lassen kann. Damals, 1999, als er über Nacht von der politischen Bildfläche verschwand, angeblich, um einen Bauernhof zu kaufen - und anderen die Bestellung der Felder überließ.
Drei Kasten in Lafontaines Weltbild
Die Art und Weise, wie Lafontaine am 11. März jenes Jahres aus Bonn flüchtete, sagt einiges über seinen Charakter aus. Heiner Flassbeck beispielsweise, sein Freund und Vordenker in Sachen Wirtschafts- und Finanzpolitik, weilte auf dem Petersberg, wo er eine Tagung der Finanzstaatssekretäre aus 33 Industrie- und Schwellenländern leitete. Als sein Handy klingelte, machte er sich zunächst keine Gedanken, denn am Apparat war die ihm wohl bekannte Hilde Lauer, Lafontaines persönliche Referentin. Drei Sekunden später war Flassbecks Gesicht aschfahl. Er wusste, dass in diesem Moment nicht nur Lafontaine, sondern auch er selbst arbeitslos geworden war. Und Duz-Freund Oskar hatte kein Wort vorab gesagt.
Dennoch ist der heutige Chefvolkswirt der Uno-Handels- und Entwicklungsorganisation (Unctad) damit noch gut weggekommen, denn er stand immerhin auf der richtigen Seite. Andere traf es härter, denn in Lafontaines Weltbild gehört jeder Mensch einer von drei Kasten an: a) gläubig im Sinne des Meisters, b) neoliberal, also ungläubig, oder aber c) doof. Die meisten Erdenbewohner, Journalisten allemal, fallen in die fatalste aller Kategorien: nicht b) oder c), sondern b) und c): ungläubig und doof.
So versucht Lafontaine einmal während eines langen Flugs von Köln nach Washington, die "Vertreter der Wirtschaftspresse", wie er sie nennt, von seiner Theorie zu überzeugen, dass die Wechselkurse der großen Weltwährungen nur innerhalb so genannter Zielzonen zu schwanken haben. Leidtragender ist vor allem Flassbeck, der ein ums andere Mal nach vorn in den Flieger geschickt wird, um Beweismaterial heranzuschaffen ("Heiner, hol mal die Grafik"). Nichts überzeugt. In seinem Buch "Das Herz schlägt links" schreibt Lafontaine später über die Szene, die Journalisten hätten nur auf die Gelegenheit gelauert, "ihre Vorurteile und Abneigungen mir gegenüber zu pflegen".
Illusorische Weltfinanzarchitektur
Auch in anderen Fällen hat der Saarländer die Wahrheit im Nachhinein, na ja, gedehnt. So berichtete der damalige Finanzminister nach Treffen mit seinem US-Amtskollegen Robert Rubin sowie Notenbankchef Alan Greenspan, die Amerikaner hätten seine Pläne für eine neue Weltfinanzarchitektur - darunter macht es ein Lafontaine nicht - als äußerst "interessant" begrüßt.
Sieht man einmal davon ab, dass das Wort "interessant" die diplomatisch Verklausulierung für "völliger Unsinn" ist, stellte sich die Angelegenheit für den Betrachter von außen etwas anders dar: Greenspan ließ Lafontaine ungebührliche zehn Minuten lang warten, Rubin versuchte ganz offensichtlich, mit dem kürzesten Handschlag aller Zeiten ins Guinessbuch der Rekorde zu kommen. Wechselkurszielzonen seien "eine Illusion", sagte der Notenbankchef später.
Sieben Jahre später sind solche Episoden vergessen, doch der Vollblutpolitiker stolpert immer am alten Widerspruch zwischen Schein und Sein entlang. Über die große Villa in Mallorca, die er für seinen Urlaub mietet, während er in Deutschland über Hartz IV redet. Über den Privatjet, um den er sich wütend mit der "Bild am Sonntag" streitet, über das laufende Honorar für Kolumnen, die er nicht mehr schreibt, über Interviews, die er sich teuer bezahlen lässt.
In der Linkspartei wächst deshalb die Skepsis, die seit Lafontaines zweideutiger "Fremdarbeiter"-Bemerkung ohnehin gärt. Ausländerfeindlichkeit warf ihm die Bundestagsabgeordnete Petra Pau vor, deren Fraktionschef der begnadete Populist werden will. "Luxus-Linker" legte erbost der Europa-Abgeordnete Andre Brie nach, bevor er von Gysi zurückgepfiffen wird.
Anwalt der Gestrauchelten verteidigt ungefragt
Gysi ist Stratege, ein beherrschter dazu. Deshalb verteidigt der Anwalt der Schwachen und Gestrauchelten nun Lafontaine ungefragt bei jeder Gelegenheit. "Wer links ist, muss nicht arm sein, sondern gegen Armut sein", sagt er und erträgt sogar wochenlang ein riesiges Wahlplakat, auf dem er Lafontaine anzuhimmeln scheint.
Was Lafontaine mit seinem Comeback bewirken will, ob es ihm tatsächlich um die Sache, um die Renaissance der Linken oder um die Neuausrichtung der SPD von außen geht, oder ob hier doch nur ein Gescheiterter seine Profilneurose pflegt, weiß auch Gysi nicht. Da sein Kompagnon wenig dazu sagt, stochert auch er im Nebel.
Immerhin hat Gysi mittlerweile eine weitere offene Frage im Leben des Oskar Lafontaine geklärt, die das Land monatelang bewegte, nämlich die, warum er 1999 die Brocken einfach hinwarf. Es ist eine Erklärung, auf die Lafontaine bis vor kurzem nicht einmal selbst gekommen wäre, jedenfalls hat er sie nie publiziert. Sein Freund Oskar, so Gysi, habe damals die Wahl gehabt, eine interne Auseinandersetzung mit Gerhard Schröder anzuzetteln, die die neue rot-grüne Regierung und die sie tragenden Parteien womöglich in eine tiefe Krise gestürzt hätte, oder aber sich still vom Acker zu machen. Lafontaine habe sich nach langem Nachdenken für letztere Variante entschieden. Gysi schwärmerisch: "Es war Demut."
  • Aus der FTD vom 14.09.2005
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