Professor Ratzinger hat sicher auch eine umfassende philosophische Bildung. Dass die aber Garant dafür sein muss, auch ernsthaft Philosophie zu betreiben, sehe ich gerade bei Herrn Ratzinger nicht.
Eine wichtige Voraussetzung für einen argumentativen Austausch hat schon Aristoteles dadurch geschaffen, dass er darauf hinwies, bei Gesagtem komme es auf den Inhalt an, und nicht nur darauf, wer es sagt, also Autorität durch Wissen und nicht durch Alter, Herkunft und Stand. Das einige Leute heutzutage für solche Selbstverständlichkeiten noch Nachhilfebedarf haben, sehe ich sehr schön an einigen positiven Reaktionen auf die Papstrede. Viele geben wohl wenig darauf, wenn ein einfacher Bürger sagt, dass Umweltschutz große Bedeutung hat. Das ist eine richtige, wenn auch mittlerweile banale Einsicht. Warum der gleiche Satz aus dem Mund Ratzingers für Papstfreunde hingegen zu einer himmlischen Weisheit mutiert, vermag ich nicht nachzuvollziehen.
Die Form der Legitimation, die sich die Institution der römisch-katholischen Kirche gibt, ist autoritär, und beißt sich geradezu mit der Aristotelischen Einsicht, dass Menschen nach den Inhalten ihrer Äußerungen und ihres Handelns zu beurteilen sind.
Wie übrigens durch Glaube allein zu Ethik und Recht zu kommen ist, möge mir bitte mal ein Geistlicher zeigen. Er mag zwar durch Glauben dazu motiviert werden, aber in der Herausarbeitung von Ethik und Recht als Begriffe fängt er an, Wissenschaft zu betreiben, das hat mit Glauben dann wenig zu tun.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich gönne Papstanhängern jeden Auftritt ihres Oberhirten, aber ich habe kein Verständnis dafür:
- dass "wir Papst sind", wie aus CSU-Kreisen zu vernehmen ist, als Protestant verbitte ich mir das
- dass uns von oben Respekt gegenüber dem Papst und seinen Äußerungenquasi auferlegt wird, sonst gehts wohl noch
- dass der Papstbesuch massive Eingriffe in die Infrastruktur bedeutet, und dadurch viele Bürgerinnen und Bürger in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden
Ich habe nichts dagegen, dass Leute bestimmte kirchlich-religiöse Bedürfnisse haben und daher dem Papst große Bedeutung beimessen. Ich habe aber etwas dagegen, wenn bestimmte Politiker, Bischöfe und Papstanhänger meinen, diese Bedeutung habe für die Allgemeinheit zu gelten.