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Merken   Drucken   29.07.2008, 19:23 Schriftgröße: AAA

Parteien im Umbruch: Nächster Halt Linkspartei

In Saarbrücken treten drei Viertel aller Busfahrer in die Linkspartei ein, weil sie Angst vor Privatisierungen haben. In der Lafontaine-Hochburg hat die SPD ihre frühere Stammwählerschaft längst verloren. von Nicolas Schöneich (Saarbrücken)
Kurz vor Schichtbeginn zündet er sich noch eine Zigarette an. Nervös sitzt der Busfahrer auf einer Bank vor dem Saarbrücker Rathaus. Seinen Namen nennt er nicht, er ist einer von vielen. Gemeinsam mit 222 Kollegen der städtischen Saarbahn ist er der Linken beigetreten. Damit wollen sie ein Zeichen setzen gegen die Privatisierung in Saarbrückens öffentlichem Nahverkehrsbetrieb. "Wir wollen unseren Besitzstand wahren", sagt der Fahrer.
Der Zorn der Busfahrer richtet sich nicht gegen CDU-Ministerpräsident Peter Müller, der das Saarland seit 1999 regiert. Von dem erwarten sie ohnehin nichts. Ihr Zorn richtet sich gegen den Stadtrat von Saarbrücken. Sparpläne für den Busverkehr habe der, heißt es. Noch mehr als die bislang 57 Prozent der Strecken sollen an Private vergeben werden. Der Höhepunkt könne eine Privatisierung des Unternehmens sein, warnt Winfried Jung, Betriebsratsvorsitzender der Saarbahn. Die Stadt dementiert solche Pläne, doch die Busfahrer sind alarmiert.
Neue Kraft an der Saar   Neue Kraft an der Saar
Früher wären Jung und seine Kollegen vielleicht mit Unterstützung der Gewerkschaft auf die Straße gegangen und hätten demonstriert. Früher wären sie vielleicht auch der SPD beigetreten und hätten die Genossen mobilisiert. Aber nicht nur von der Kommunalpolitik fühlen die Busfahrer sich im Stich gelassen. Seit Gerhard Schröder  und dessen Agenda 2010 hat die Sozialdemokratie im Saarland viel Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Linke wurde zur echten Alternative.
Die Busfahrer haben die Mitgliederzahl des Landesverbands um zehn Prozent nach oben schnellen lassen, auf 2550. Offiziell sorgt das die Landes-SPD nicht, schließlich hat sie noch zehnmal mehr Mitglieder. Dennoch zeigt der Masseneintritt alle Probleme, an denen die SPD derzeit krankt.
Da ist das Mitgliederproblem. Gut 30 der Neu-Linken besaßen zuvor ein SPD-Parteibuch. Sie stehen für einen Trend: Seit Jahren verliert die SPD Mitglieder. Auch der Landeschef der Linkspartei, Rolf Linsler, gehört dazu: 30 Jahre bei ÖTV und Verdi, 20 Jahre als Landesvorsitzender, 35 Jahre in der SPD. Seit Sommer 2007 hat der 65-Jährige ein Linke-Parteibuch. Betriebsrat Jung war 28 Jahre in der SPD, sein Kollege Michael Bleines 23 Jahre.
Da ist das programmatische Problem. "Die Linke, das ist doch die SPD, wie ich sie gekannt habe", sagt Jung. In einem Biergarten an der Saar sitzt er mit vier Kollegen. Über den Tisch werfen sie sich die Stichworte zu, Entscheidungen, mit denen die SPD sich ihrer Meinung nach selbst verraten hat: die Hartz-Reformen, die Rente mit 67, Zusammenstreichung der Berufsunfähigkeitsrente. "Seit Gerhard Schröder haben die Sozialdemokraten ihre Heimat verloren", sagt einer. Bis zuletzt hätten sie gehofft, dass zumindest die linke Saar-SPD Verständnis für ihre Ängste zeigen würde. Bleines hat sein SPD-Parteibuch zurückgeschickt und trat zwei Tage später in die Linke ein. Er beschreibt es als Rückkehr: "Was die Linke auf den Fahnen stehen hat, ist die SPD von vor 20 Jahren. Man tritt in seine alte Partei ein."

Teil 2: Die Abwesenheit der SPD

  • Aus der FTD vom 30.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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