Von Streit will
Horst Seehofer nichts mehr wissen. Der Zwist mit Parteifreund Karl-Theodor zu Guttenberg sei beendet, so der CSU-Chef in München. "Wir sind doch keine kleinkarierten Burschen." Zur gleichen Zeit in Berlin legt sein treuer Helfer aber nach: Markus Söder kommt in Rage, als er nach dem Bundeswirtschaftsminister gefragt wird. "Wir sind schwer enttäuscht", schimpft der bayerische Gesundheitsminister.
Erst Seehofers strenge Rüge, dann Söders Attacke - die CSU hadert schwer mit ihrem Zugpferd Guttenberg. Einerseits hat der junge Minister den Stolz der Bayern wiederaufgerichtet, er ist seit Jahren der erste CSU-Star im Bundeskabinett. Andererseits fühlen sich die Bayern im Kampf gegen die Rezession oder für das Überleben des Versandhändlers Quelle von ihrem eigenwilligen Hüter der Ordnungspolitik im Stich gelassen.
Söders Verhältnis zum Berliner Renommierminister ist noch vergleichsweise leicht zu erklären: Er ist Vorsitzender des CSU-Bezirks Nürnberg-Fürth, dort hat Quelle seinen Sitz. Drei Monate vor der Bundestagswahl muss Söder sich für die Quelle-Mitarbeiter starkmachen, und zwar um jeden Preis. Guttenberg hat Söder aber zappeln lassen, das stinkt dem nun. Hinzu kommen persönliche Animositäten: Seit Wochen halten sich Gerüchte, Guttenberg und Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon hätten sich verständigt, das Seehofer-Erbe untereinander aufzuteilen. Söder kommt dabei nicht vor.
Auch Seehofer sieht sich als Ministerpräsident eng an der Seite der Quelle-Beschäftigten und allein schon deshalb in Frontstellung zum Wirtschaftsminister in Berlin. Aber der Konflikt liegt tiefer - in den Charakteren der Kontrahenten: Seehofer wird nervös, wenn er zu viel nach Guttenberg gefragt wird. Er hat seine Machtbasis fein austariert: Keiner seiner Minister oder Parteifunktionäre soll sich allzu sicher fühlen im Job. Dieses Machtgefüge droht Guttenberg zu sprengen: Wo immer er auftritt, die Basis feiert ihn. Das entgeht auch dem Parteichef nicht.
Kein intensives Verhältnis zu Seehofer
Für einen handfesten Krach braucht es aber immer zwei: Guttenberg gibt sich wenig Mühe, Konflikte zu verbergen. Um große Nähe zu Söder bemühte er sich nie. Und auch über ein intensives Verhältnis zu Seehofer ist nichts bekannt. Eher haben beide ganz geschäftsmäßig voneinander profitiert: Seehofer gewährte Guttenberg eine spektakuläre Karriere, Guttenberg wiederum verhalf Seehofer zu neuem Ansehen und Gewicht.
Doch auch diese Beziehung hat gelitten. Denn Guttenberg weigert sich inzwischen, jede Volte seines Parteichefs mitzumachen. Er fürchtet um seine Glaubwürdigkeit. Bei Quelle versuchte Seehofer, die Bundesregierung früh auf Staatshilfe festzulegen - lange vor der notwendigen Prüfung von Hilfsantrag und Sicherheiten. Dass Guttenberg auf sein Bild als Ordnungspolitiker achten wollte, kümmert Seehofer kaum.
"Jeder hat seine Aufgaben", sagt Guttenberg jetzt lakonisch, es sei doch nun alles gesagt. Tatsächlich wiegt der Konflikt aber schwerer, und das lässt sich beim Thema Steuern besichtigen: Während Seehofer darauf dringt, dass sich CDU und CSU schon jetzt auf ein Datum für Steuersenkungen in der nächsten Legislaturperiode festlegen, ist Guttenberg strikt dagegen. Er sagt das nicht so deutlich, aber er hält Seehofers Forderung schlicht für unseriös.
Hinzu kommt ein Charakterzug, auf den sich Guttenberg viel einbildet: sein Trotz. Wenn man ihm sage: "Du musst jetzt", erzählt einer, der Guttenberg seit Längerem beobachtet, dann sage der nur: "Das wollen wir doch mal sehen." Guttenberg lasse sich von niemandem "durch die Gegend bugsieren, weder von Seehofer noch von der Kanzlerin".
Die Ironie dabei: Seehofers neuer Star schlägt seinen Chef mit seinen eigenen Mitteln. Denn früher war es Seehofer, der seine Vorgesetzten mit seinem Trotz in Rage brachte - und sich dabei stets die Sympathie in der Bevölkerung sicherte. So macht es jetzt auch Guttenberg.