Pompös war der Auftritt von Marina Weisband, sie brachte den Saal zum kochen. Allein stand sie auf der Bühne, ohne Redeskript, nur mit einem Mikro in der Hand, peitschte an, forderte die Welt heraus.
Das war im Dezember 2011. Auf dem damaligen Bundesparteitag wirkte die alles umwälzende Berlin-Wahl wie ein Aufputschmittel auf jeden einzelnen Piraten.
Hört man Marina Weisband heute reden, wieder auf einem Bundesparteitag, steht dort eine andere Person auf der Bühne. Sie verschwindet fast hinter dem Pult, leise ist sie, nachdenklich. "Wir waren jung und wir waren klein, aber wir haben schon Geschichte geschrieben", sagte sie. "Jetzt werden wir ernst genommen, und es wird gegen uns geschossen."
Die letzten Wochen haben den Piraten zugesetzt. Statt euphorisch auf der Welle ihrer Wahlerfolge und Umfragewerte zu surfen, müssen sie auf harte Attacken reagieren. Der Umgang mit rechtsextremen Mitgliedern fliegt ihnen um die Ohren. Der Vorwurf: Die Partei distanziere sich nicht angemessen von Holocaustleugnern und Rassisten. Unüberlegte Nazivergleiche geben den etablierten Parteien weiteres Kanonenfutter, um endlich ungehemmt gegen die Polit-Newcomer zu stänkern. Und dann noch die Offensive einiger Künstler gegen die Ideen der Piraten zum Urheberrecht - über der Partei fegt derzeit ein medialer Shitstorm. Der Welpenschutz ist endgültig vorbei.
So wirkt Marina Weisbands Auftritt symbolhaft für die Stimmung in der Partei. Sie sind erwachsener geworden, nüchterner. Sie appelliert an die Verantwortung, die die Piraten trügen. Groß ist Weisbands Bedürfnis, sich klar gegen rechts zu positionieren. Sie kämpfe für die Überzeugung, "dass alle Menschen wertvoll sind, unabhängig von ihrem Glauben, Herkunft oder sozialem Status."
Auch in der Halle liegen überall Flyer: "Bündis gegen rechts" steht drauf oder "Flagge zeigen gegen Rechtsextremismus". Ein Antrag, über den erst am Sonntag abgestimmt werden sollte, wird vorgezogen. Der Holocaust sei ein unbestreitbarer Bestandteil der Geschichte, ihn zu relativieren ist gegen die Grundsätze der Partei, heißt es dort. Er wird einstimmig angenommen - unter Standing Ovations. Es wirkt, wie eine Erlösung.
Und es bleibt das einzige Highlight an diesem Tag. Stoisch reißen die Piraten ihr Programm ab, hangeln sich diszipliniert von Satzungsänderung zu Satzungsänderung. Am Samstag soll nur Formales abgestimmt werden, nichts Inhaltliches. Daran halten sie sich, ganz nach dem Motto: Tobt draußen der Sturm, rücken wir näher zusammen. Bissige Debatten finden nicht statt. Die Parteistrukturen sollen fit gemacht werden für all das, was noch kommen mag.
Denn eines haben die vergangenen Monate gezeigt: Die Piraten müssen professioneller werden. Die ehrenamtliche Arbeit der Vorstandsmitglieder wächst manch einem über den Kopf. Doch so ernüchtert viele wirken, den großen Schritt wagen sie nicht. Keine Verlängerung der Amtszeit des Vorstands auf zwei Jahre, einen Beirat als Unterstützung der Vorsitzenden lehnen die Piraten ebenso ab. Einzig einer Vergrößerung des Vorstandes auf neun Mitglieder stimmen sie zu.
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Seltsam brav wirkt auch das legendäre Kandidatengrillen, das heute so gar nicht seinem Namen Ehre macht. Stolz hatten bislang Piraten von diesen Kreuzverhören erzählt. All jene, die um den Vorstand kandidierten, wurden da ordentlich von der Basis in die Zange genommen. Auch diesmal stellen sich sieben Bewerber zur Wahl, darunter Amtsinhaber Sebastian Nerz und dessen Stellvertreter Bernd Schlömer. "Seit wann bist du bei den Piraten und warum?" "Wie stehst du zu Ökologie" "Was willst du anders machen?" Eine lahme Frage-Antwort-Runde.
Aufreibende interne Diskussionen hatten die Piraten in den vergangenen Wochen zu genüge. Das hat Kraft geraubt. Heute reicht sie vor allem zum Heben und Senken der Abstimmungskarten. Nur als Dietmar Moews ans Mikrofon tritt und seine Kandidatur begründen möchte, wird es unruhig im Saal. Viele ziehen die rote Nein-Karte noch bevor er etwas sagen kann, oder verlassen den Raum. Moews hatte in seinem Videoblog das "Weltjudentum" kritisiert.
Am Ende läuft die Abstimmung auf einen Zweikampf zwischen Nerz und Schlömer hinaus. Der Stellvertreter gewinnt. Sein Wahlversprechen: Mehr Einigkeit, mehr Geschlossenheit, mehr Kooperation. "Wir sind eine Mitmachpartei und wir wollen alle einladen mitzumachen."
Dieser Einladung sind nach Neumünster rund 1500 Piraten gefolgt. So viele haben sich für den Parteitag akkreditiert - es sind 1000 weniger als angekündigt.