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Merken   Drucken   21.06.2011, 22:07 Schriftgröße: AAA

Personalnot: Spitzenkräfte meiden Deutschland

Exklusiv Die Fachkräftelücke wird immer größer. Doch die Bundesregierung tut sich schwer, bessere Bedingungen für Ausländer zu schaffen. Die Umworbenen gehen in andere Länder wie Österreich, das mit einem Punktesystem vorprescht - und Bayern Talente wegschnappt. von Thomas Steinmann  und Friederike von Tiesenhausen  Berlin
Trotz der geplanten Vereinfachung der Zuwanderungsregeln für Ingenieure und Ärzte aus Nicht-EU-Staaten rechnen Ökonomen und Bundesregierung nicht mit einem großen Ansturm. "Gerade Fachkräfte tun sich schwer, jetzt nach Deutschland zu strömen. In ihren Köpfen hat sich stark eingeprägt, dass sie hierzulande nicht wirklich willkommen sind", sagte der Migrationsforscher Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI). Deutschland habe in der Zuwanderungspolitik "strategische Fehler" gemacht, die sich nicht in kurzer Zeit korrigieren ließen, sagte auch Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).
Ähnlich bewertet die Bundesregierung die Lage. "Es werden nicht viele kommen, denn Deutschland hat lange signalisiert, dass wir niemanden brauchen", sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor dem Fachkräfte-Spitzengespräch der Regierung mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften heute in Meseberg. Die Bundesregierung geht davon aus, dass es in Deutschland aufgrund der demografischen Entwicklung bis 2025 rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte weniger gibt als heute. Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge kostet der daraus resultierende Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft 25 Mrd. Euro pro Jahr.
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen   Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen
Angesichts der drohenden Schäden will die Regierung vor allem das einheimische Potenzial etwa bei Frauen und Älteren besser ausschöpfen. Ein zweiter Baustein soll die erleichterte Zuwanderung ausländischer Spitzenkräfte sein - wobei innerhalb der Regierung noch umstritten ist, wie weit die Zugangshürden abgebaut werden sollen. Arbeitsministerin von der Leyen und die FDP wollen die Verdienstschwelle von 66.000 Euro, ab der Hochqualifizierte von Beginn an für sich und ihre Familien ein Daueraufenthaltsrecht bekommen, deutlich senken. 2010 kamen auf diesem Wege weniger als 700 Nicht-EU-Ausländer ins Land. Bei Innenpolitikern der Union, aber auch bei den Gewerkschaften gibt es dennoch weiterhin Vorbehalte - aus Furcht vor der Konkurrenz um Arbeitsplätze und möglichen Integrationsproblemen.
Die Prognosen der Arbeitsmarktforscher belegen aber, dass die Ängste unbegründet sind. Zugleich zeigen sie, welchen Rückstand Deutschland im globalen Wettbewerb um Ingenieure oder IT-Experten gegenüber traditionellen Einwanderungsländern hat. Die bisher sehr hohen bürokratischen Hürden sowie das mäßige Image als Gastland erschweren einen Kurswechsel.
"Das Selbstbildnis, dass Deutschland für Spitzenkräfte ein Land ist, in dem Milch und Honig fließen, ist Quatsch", sagte der Arbeitsmarktforscher Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. "Was das deutsche Zuwanderungsrecht ausstrahlt, ist eine glasklare Abwehrhaltung." Dies ist auch das Ergebnis einer DIHK-Umfrage unter 47 Außenhandelskammern. Lange Verfahrensdauern bei der Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen sowie eine Vielzahl von Ansprechpartnern schrecken demnach Interessenten ab. Nötig seien eine einfachere und zügigere Visavergabe sowie ein transparentes Regelwerk zur Zuwanderung und zum Familiennachzug, fordert der DIHK.
Nach Ansicht von IZA-Chef Zimmermann ist Deutschland für internationale Spitzenkräfte aber auch in finanzieller Hinsicht wenig attraktiv. Die Gehälter seien "in vielen Fällen nicht wettbewerbsfähig", sagte er. Zudem gilt die Sprachbarriere als zentraler Nachteil gegenüber englischsprachigen Ländern. HWWI-Chef Straubhaar sieht daher kaum Staaten, in denen deutsche Unternehmen Fachkräfte rekrutieren können.
"Osteuropa wäre unsere Chance gewesen", sagte er mit Blick auf Deutschlands Entscheidung, seinen Arbeitsmarkt erst so spät wie möglich für alle Arbeitnehmer aus den neuen EU-Staaten zu öffnen. In der Zwischenzeit haben sich viele gut ausgebildete Polen und andere Osteuropäer in Großbritannien oder den Niederlanden niedergelassen. "Wenn wir überhaupt eine Chance haben, dann in Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder der Türkei", sagte Straubhaar.
Auch in der Wirtschaft sind die Erwartungen daher begrenzt. So hat die vom Fachkräftemangel besonders betroffene Ingenieurszunft die Hoffnung auf einen Andrang ausländischer Kollegen aufgegeben. "Den Fachkräftemangel werden wir nicht ohne Weiteres durch Zuwanderung fertiger Fachkräfte beheben", sagte VDI-Direktor Willi Fuchs. "Auch in anderen Industrieländern herrscht Mangel, und in den Schwellenländern wie China und Indien, auf die viele bei uns schielen, werden Ingenieure selbst gebraucht."
  • FTD.de, 21.06.2011
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