Ein Schüler der 7. Klasse löst Mathematik Aufgaben an der Tafel
Deutsche Schulen waren nicht nur international mittelmäßig, sondern auch im hohem Maße sozial ungerecht. Doch die neuesten Ergebnisse zeigen, dass die von Pisa angeregten Reformen bis jetzt zu kurz gegriffen haben. Zwar sind die Leistungen der Schüler in den letzten Jahren etwas besser geworden. Doch die Bildungsschere hat sich weiter geöffnet: Die Spitzenleistungen von Bundesländern im innerdeutschen Vergleichkommen noch stärker auf Kosten von Chancengleichheit zustande.
Dies zeichnete sich bereits im Juli ab, als der innerdeutsche Leistungsvergleich des zweiten Pisa-Tests aus dem Jahr 2003 veröffentlicht wurde. Die Bundesländer mit der kleinsten Risikogruppe an Arbeiterkindern und Schülern mit Migrationshintergrund konnten die besten Ergebnisse erzielen. Im Bundesschnitt fällt jeder fünfte Schüler in diese Gruppe. Bei Deutschlands Pisa-Spitzenreiter Bayern sind es nur rund 14 Prozent, in anderen Bundesländern es allerdings bis zu 30 Prozent.
Die detaillierte Auswertung der Leistungsergebnisse, die am Sonntag die Deutsche Presse-Agentur vermeldete, bestätigte den Trend. Für fast alle Bundesländer galt die Devise: Je besser die akademischen Leistungen, desto ungleicher die Chancen. Besonders weit geöffnet ist die soziale Schere in Bayern. Dort hat ein Kind aus der Oberschicht bei gleicher Eignung eine 6,65-mal so hohe Chance, zum Abitur zu gelangen wie ein Arbeiterkind. Im Bundesschnitt sind die Chancen eines Akademikerkindes viermal so hoch. Zur Oberschicht gehören in der internationalen Pisa-Terminologie Akademikereltern und Führungskräfte. Kinder in solchen Haushalten haben in der Regel ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch für Hausaufgaben, Computer und Internetzugang.
Neuer Sprengstoff für Debatte über Bildungssystem
Die schlechten Sozialdaten liefern neuen Sprengstoff für die Debatte über Reformen im deutschen Bildungssystem. Dabei ist zu erwarten, dass neue Forderungen nach mehr Ganztags- und Gesamtschulen laut werden. Beim internationalen Pisa-Sieger Finnland scheint nämlich der Spagat zwischen guten Leistungen und sozialer Gerechtigkeit geglückt. In dem skandinavischen Land gehen Schüler bis zur neunten Klasse auf eine gemeinsame Regelschule.
Die deutschen Erfahrungen mit Gesamtschulen sind allerdings gemischt. So liegt Nordrhein-Westfalen, in dem sozialdemokratische Landesregierungen seit den 70ern Gesamtschulen gefördert haben, nicht nur bei den Leistungen auf einem der letzten Plätze. Auch die Chancenungleichheit im größten deutschen Bundesland liegt über dem Bundesdurchschnitt. Anders dagegen die Situation in Sachsen, wo Haupt- und Realschule zu einer Regelschule zusammengefasst sind. Das Bundesland konnte im jüngsten Pisa-Test nicht nur Baden-Württemberg vom zweiten Platz bei den Leistungen verdrängen. In Sachsen herrscht auch die fünftbeste Chancengleichheit in Deutschland.
Frühkindliche Förderung soll verbessert werden
Das enttäuschende Pisa-Urteil untermauert auch Forderungen nach mehr frühkindlicher Bildung. Studien belegen, dass sprachliche Nachteile von Kindern aus bildungsfernen und Migrantenhaushalten im Kindergarten noch ausgeglichen werden können. Selbst in der Grundschule ist es dafür schon fast zu spät. Und Kindergärten können nicht nur sozial wichtig sein. Die Pisa-Daten zeigen, dass Kinder, die im Kindergarten waren, bessere Leistungen erzielen als ihre Altersgenossen, denen eine solche Erfahrung fehlt.
Union und SPD haben sich bereits in den Koalitionsverhandlungen darauf geeinigt, die Angebote zur frühkindlichen Bildung zu verbessern. Allerdings ist bei der knappen Haushaltslage kaum mit neuen Mitteln zu rechnen. Die designierte Bildungsministerin Annette Schavan warnte unlängst vor allzu hohen Erwartungen.
Die aktuellen Pisa-Ergebnisse könnten auch die politische Diskussion über die Durchlässigkeit des Bildungssystems neu entfachen. Seit vielen Jahren wird diskutiert, wie es begabten Arbeiterkindern erleichtert werden kann, aufs Gymnasium zu wechseln. Die Quote von Schülern mit guten Noten, die einen solchen Wechsel schaffen, ist allerdings seit Jahrzehnten niedrig.
Der Pisa-Test International Pisa steht für "Programme for International Student Assessment". Beim letzten internationalen Test der Industrieländerorganisation OECD 2003 nahmen 41 Nationen teil.
Mittelfeld Die internationalen Ergebnisse wurden letztes Jahr bekannt. Deutschland erzielte wie schon beim PisaSchock im Jahr 2000 nur ein durchschnittliches Resultat.
National Im Juli folgten die ersten Ergebnisse der innerdeutschen Auswertung. Bayern behielt seinen Spitzenplatz gefolgt von Sachsen.