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Merken   Drucken   14.07.2005, 16:49 Schriftgröße: AAA

Pisa-Studie: "Wir müssen positiv diskriminieren"  

Die zweite nationale Bildungsstudie Pisa-E sorgt für erregte Debatten unter den Bundesländern. Bayern verteidigt seinen ersten Platz, Bremen hält erneut die rote Laterne. Die Interpretation der nackten Zahlen ist allerdings nicht so einfach, wie es scheint. FTD-Online hat mit dem Bildungsforscher Klaus Klemm gesprochen. von Nicolai Kwasniewski
Der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Essen hat die Studie "Gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet?" im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verfasst. Mit der Studie sollen "andere Erklärungsansätze, die sich auf den Unterricht, die Schulstruktur und die Steuerung des Gesamtsystems beziehen, nicht ersetzt, sondern ergänzt werden".
Die Ergebnisse zeigen einmal mehr: Jugendliche aus reichen Akademikerhaushalten und reichen Bundesländern haben deutlich bessere Bildungschancen. Vor allem werden aber Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland stark benachteiligt.
FTD-Online: Herr Klemm, was sagen Sie zu den Ergebnissen der erweiterten Pisa-Studie?
Klaus Klemm: Das Problem ist, da werden aus diesen Teilergebnissen Schlüsse in Bezug auf Schulen und Schulformen gezogen, die so nicht stimmen.
Was fehlt in der Studie?
Ärgerlich ist vor allem eine Sache: Die Ergebnisse werden nicht getrennt nach Schülern mit und ohne Migrationshintergrund ausgewiesen. Eine Studie, die drei Monate früher veröffentlicht wird, als geplant, kann natürlich nur in abgespeckter Form präsentiert werden. Wenn die detaillierten Ergebnisse im Herbst veröffentlicht werden, wird sich dafür vermutlich keiner mehr interessieren. Die Ranking-Sucht ist dann bedient.
Was bedeutet das für die Auswertung?
Welche Folgen das hat, zeigt die Auswertung der Pisa-E-Studie von 2000. Damals lagen Sachsen und Thüringen, die einen im Bundesvergleich sehr geringen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund haben, insgesamt auf dem 3. bzw. 4. Platz. Bei dem Vergleich der Ergebnisse von Schüler ohne Migrationshintergrund, lagen die Länder aber nur auf dem 7. bzw. 10. Platz.
Wie wichtig ist diese Unterscheidung?
Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist vielleicht nicht das wichtigste Kriterium für die Bewertung der Studie. Aber der Unterschied zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland beträgt beispielsweise im Fach Mathematik immerhin 95 Punkte. (Ein Abstand von etwa 33 Punkten entspricht aus Sicht der Pisa-Forscher in etwa dem Lernfortschritt eines Schuljahres)
Was müssten die Bildungspolitiker in Deutschland unternehmen?
Es ist jetzt enorm wichtig, für Kinder mit Migrationshintergrund mehr zu tun. Deutschland kann es sich schon vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung nicht leisten, 20 Prozent seiner Schüler nicht vernünftig auszubilden.
Wie lässt sich das in einem föderalen System erreichen?
Wenn die schulische Ausbildung in Deutschland insgesamt vorangebracht werden soll, müssen die Anstrengungen gebündelt werden. Wir müssen Problemgebiete stärker fördern, wir müssen positiv diskriminieren, wie es beispielsweise in Frankreich schon längst gemacht wird. Wir müssen zum Beispiel Hauptschulen in Ballungsgebieten mit mehr Lehrern beschicken und nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip alle gleich fördern. Die Regionen, die Gefahr laufen, abgehängt zu werden, müssen mehr gefördert werden, als jene, die an der Spitze liegen.
Trifft das deutsche Schulsystem eine Mitschuld an den insgesamt bescheidenen Ergebnissen im internationalen Vergleich?
Das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland schafft keine Probleme im Leistungsniveau. Das Problem ist die starke und zu frühe soziale Selektivität dieses Systems.
  • FTD.de, 14.07.2005
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