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Merken   Drucken   12.09.2011, 14:56 Schriftgröße: AAA

Probleme der Energiewende: Strompreis verzweifelt gesucht

Der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland wächst immer weiter. Das bringt den Strommarkt aus dem Gleichgewicht: Irgendwann funktioniert er nicht mehr - mit fatalen Folgen. von Nikolai Fichtner  Leipzig
In Raum drei neben dem Kopierer bestimmen sie gerade den Strompreis für den nächsten Tag: drei Mitarbeiter, zwölf Bildschirme, 20 Quadratmeter. Angebot und Nachfrage laufen in der Leipziger Strombörse EEX elektronisch ein, an diesem Tag treffen sie sich bei 61,03 Euro pro Megawattstunde. Das ist etwas teurer als üblich in diesem Sommer, aber auch kein Wunder bei dem Wetter. Man muss hier im 23. Stock nur aus dem Fenster schauen: Am Stadtrand qualmt ein Kohlekraftwerk, am Horizont drehen sich Windräder - aber dichte graue Wolken bedecken die Stadt, Sonnenenergie dringt kaum durch.
Ein Mitarbeiter der Leipziger Energiebörse EEX   Ein Mitarbeiter der Leipziger Energiebörse EEX
Noch funktioniert der Strommarkt einigermaßen. Aber Daniel Wragge von der Strombörse glaubt, dass das nicht mehr lange so bleibt. "Was machen wir, wenn wir größere Anteile erneuerbarer Energien haben?", fragt er. "Dann gibt es keine Preissignale für konventionelle Kraftwerke mehr."
Der Strommarkt wurde in den späten 90er-Jahren entworfen - einer Zeit, in der Öko-Energien noch keine Rolle spielten. Inzwischen liegt deren Anteil am Strommix bei 20 Prozent. Bis 2020 soll er auf 35 Prozent steigen, bis 2030 auf 50 Prozent. Bereits jetzt wird klar: Energiewende und Strommarkt passen nicht zusammen. Politiker, Wissenschaftler und Praktiker suchen daher fieberhaft nach Alternativen. Das Ziel ist ein "neues Marktdesign".
Bisher funktioniert der Strommarkt so: Ökostrom aus Wind, Sonne oder Biomasse wird per Umlage von den Stromkunden bezahlt. Er hat laut Gesetz Vorrang - selbst wenn man ihn verschenken müsste. Danach kommt Strom aus Kernkraft- und Braunkohlekraftwerken zum Zuge, anschließend der etwas teurere Steinkohlestrom. Wenn die Nachfrage groß genug ist, können dann auch Gaskraftwerke ihren Strom verkaufen. Die sind teurer, weil Gas deutlich mehr kostet als Kohle. Die Kosten des teuersten Kraftwerks bestimmen wiederum den Strompreis für alle. An einem 61-Euro-Tag dürften also auch einige Gaskraftwerke laufen.
Aber diese Tage werden seltener. "Je mehr Erneuerbare in den Markt drängen, desto stärker sinkt der Börsenpreis", sagt Thorsten Lenck von der Beratungsfirma Energy Brainpool. Der Zuwachs bei Wind und Sonne geht als Erstes zulasten der teuren Gas- und Steinkohlekraftwerke. Wenn dann nur noch die billigen Kraftwerke produzieren, drückt das den Strompreis.
Doch was für die Stromkunden erfreulich klingt, hat eine potenziell fatale Nebenwirkung: Besonders für neue Gaskraftwerke, die als flexible Ergänzung zum schwankenden Ökostrom gebraucht werden, ist der Strompreis der Zukunft viel zu niedrig. Investoren können nicht damit rechnen, ihre Kosten jemals zu decken, und halten sich zurück. Ökonomen sprechen von einem "Missing Money"-Problem.
An der Leipziger Strombörse brüten sie derzeit über möglichen Lösungen. "Es wird mit irgendeinem Marktmodell funktionieren", sagt Wragge. Aber wie genau, das weiß auch er nicht: "Es ist eine wilde Zeit momentan." Auch das Wirtschaftsministerium lässt eine Studie erstellen, der Branchenverband BDEW arbeitet an einem gemeinsamen Vorschlag an die Politik. Im Zentrum der Debatte stehen sogenannte Kapazitätsmärkte. Demnach sollen neue Kraftwerke bereits für das Bereitstehen bezahlt werden. Der Bundesverband Neuer Energieanbieter hat gerade ein Modell vorgelegt, nach dem die neuen Kraftwerkszuschüsse per Auktion an den günstigsten Anbieter vergeben würden.
Die Regierung reagiert skeptisch. Das Wirtschaftsministerium fürchtet planwirtschaftliche Auswüchse, und das Umweltressort glaubt nicht, dass das Missing-Money-Problem wirklich existiert. Von selbst verschwinden würde es, wenn der Börsenpreis nach der Energiewende tatsächlich steigt, wie so oft prognostiziert wird. Doch danach sieht es nicht aus. Direkt neben Raum drei, schräg gegenüber vom Kopierer, wird der Strom für die Jahre 2012 bis 2017 gehandelt: Der Preis für 2017 liegt bei 61,80 Euro - und damit kaum höher als heute.
  • FTD.de, 12.09.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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