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Merken   Drucken   07.11.2010, 13:00 Schriftgröße: AAA

Realer Boom: Die Arbeitslosenstatistik hat recht

Trotz aller Kritik an der Arbeitslosenstatistik - viele Daten belegen die extrem gute Verfassung des Jobmarktes in Deutschland. von Hubert Beyerle, Mathias Ohanian und Rolf Becker, Berlin
Vom deutschen Arbeitsmarkt kommen nach vielen düsteren Jahren inzwischen nur noch Rekordmeldungen. Die Arbeitslosigkeit ist in der unbereinigten Rechnung unter drei Millionen gesunken, die Beschäftigung über 40 Millionen gestiegen. "Wenn der Abbau der Arbeitslosigkeit sich in diesem Tempo fortsetzt, könnte die nächste Millionenmarke schon im Oktober oder November 2012 geknackt sein", sagte Hilmar Schneider, Co-Direktor am Bonner Institut Zukunft der Arbeit.
Aber sind die Zahlen überhaupt verlässlich? Sind die Erfolge real, oder sehen die Zahlen nur deshalb so gut aus, weil sie anders berechnet werden als früher? Der Vorwurf der Statistiktricks ist nach einer Reihe von Umstellungen häufig gefallen.
In der Tat: Zu Beginn der Hartz-Reformen kamen zunächst mehr Menschen in die Arbeitslosenstatistik hinein, die bislang nicht erfasst worden waren. Es gab aber auch Änderungen, die in die andere Richtung gewirkt haben. Bestimmte Arbeitslose wurden etwa nicht mehr als arbeitslos gezählt. Der schwerste Vorwurf der Skeptiker: Viele Menschen sind erst gar nicht mehr arbeitslos gemeldet, weil sie entweder in Fortbildungen stecken oder erst gar nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Beim Vergleich aller Daten zeigt sich trotz allem: Der Boom auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist real. Zwei Grafiken machen das besonders deutlich: So sinkt die international harmonisierte Arbeitslosenquote seit Jahren. Inzwischen ist Deutschland in der ILO-Quote in der Spitzengruppe der Euro-Zone. Nur vier kleine Länder haben prozentual noch weniger Arbeitslose. Und die ILO-Methode beruht nach international üblichen Standards auf Umfragen, die nicht von Entscheidungen der Arbeitsbehörden beeinflusst sein kann.
Zweitens ist auch die sogenannte stille Reserve in den vergangenen Jahren im Trend gesunken. Zur stillen Reserve zählen all diejenigen, die im Prinzip arbeiten könnten, es aber aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen. Arbeitslose und stille Reserve zusammengenommen sinken seit Jahren deutlich.
Auch der Vorwurf, die neuen Jobs taugten alle nichts, kann nicht überzeugen. So steigen seit vier Jahren auch die sozialversicherungspflichtigen Jobs wieder deutlich an, während die Minijobs seit Jahren stagnieren: Anfang 2006 waren nur noch knapp über 26 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Inzwischen sind es bereits fast wieder 28 Millionen. Die Zahl der sogenannten prekären Jobs hat also offenbar inzwischen ein stabiles Niveau erreicht.Und selbst die Zahl der Langzeitarbeitslosen sinkt: Zuletzt waren es weniger als eine Million.
Mehr als jeder Dritte Die Industrieländerorganisation OECD lobt zwar die Entwicklung der deutschen Beschäftigung in der Wirtschaftskrise, moniert aber die im Vergleich zu anderen Industrienationen nach wie vor hohe Langzeitarbeitslosigkeit. Dabei besteht dieses Problem hierzulande schon länger: von 1998 bis 2010 waren im Durchschnitt 3,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet - mehr als jeder Dritte davon länger als ein Jahr und somit langzeitarbeitslos.
Höchststand Den höchsten Stand erreichte die Langzeitarbeitslosigkeit Anfang 2005, als mehr als 1,7 Millionen Menschen länger als ein Jahr arbeitslos waren. Seitdem ist die Zahl rückläufig.
Sinkende Chancen Nach Einschätzung von Experten ist es für kurzzeitig Beschäftigungslose im Schnitt viermal einfacher, einen neuen Job zu finden, als für Langzeitarbeitslose.
Zeitarbeit Seit den Arbeitsmarktreformen Mitte des Jahrzehnts boomt die Zeitarbeit. Im Trend wächst sie seit Jahren, immer wieder unterbrochen von Krisenjahren. Laut jüngsten Schätzungen dürften inzwischen rund 900.000 Menschen bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt sein.
Neuer Schwung Seit dem Ausbruch der großen Rezession Ende 2008 ist auch die Zahl der Zeitarbeitsplätze zunächst deutlich zurückgegangen. Der jüngste konjunkturelle Boom hat aber auch wieder zu einer Belebung des Zeitarbeitssektors geführt.
Flexibel Erfahrungsgemäß greifen Unternehmen vor allem zu Beginn der konjunkturellen Erholung auf Zeitarbeitsfirmen zurück. Ein Teil von den dort Beschäftigten erhält dann später auch eine Festanstellung bei den ausleihenden Firmen. Wie viele das sind, ist allerdings umstritten.
Still Es sind deutlich mehr Menschen ohne bezahlte Beschäftigung, auch wenn sie nicht als arbeitslos bezeichnet werden. In der sogenannten stillen Reserve finden sich diejenigen, die grundsätzlich arbeiten könnten, aber sich nicht aktiv um Arbeit bemühen.
Reserve Ein Teil von ihnen befindet sich in Projekten arbeitsmarktpolitischer Förderung wie Fortbildungen, ein anderer Teil außerhalb. Dazu zählen auch Menschen, die nicht arbeiten, aber auch nicht bei der Arbeitsagentur vorstellig geworden sind.
Unterbeschäftigt Zu wenig Arbeit haben allerdings noch mehr. Zu den Unterbeschäftigten rechnen die Statistiker Menschen hinzu, die in Arbeitsgelegenheiten, also Ein-Euro-Jobs beschäftigt sind, sowie etwa solche, die einen Gründungszuschuss erhalten. Alles in allem kommt man dann auf rund 4,1 Millionen Unterbeschäftigte. Das sind 380.000 weniger als im Oktober 2009. Klar ist: Ihre Zahl sinkt zuletzt deutlich. Es ist nicht so, dass immer mehr Menschen aus der Statistik herausgenommen werden.
Minijobs Kaum eine arbeitsmarktpolitische Diskussion erhitzte in den vergangenen Jahren die Gemüter stärker als die Regeln zur geringfügigen Beschäftigung - auch Minijobs genannt. Anfang der 2000er-Jahre stieg die Zahl der Menschen, die nur in Minijobs beschäftigt sind, stark an. Aber bereits Mitte 2004 war der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht. Seitdem nimmt die Zahl dieser Beschäftigungsverhältnisse nicht mehr zu. Heute sind Minijobs fester Bestandteil des deutschen Arbeitsmarkts.
Kernbeschäftigung Während die Dynamik von Minijobs stark abgenommen hat, erfährt die Kernbeschäftigung vor allem in den vergangenen Monaten einen kräftigen Aufwind. Auch die Anzahl der offenen Stellen ist im Oktober auf das Niveau von September 2008 geklettert - dem Monat, in dem Lehman Brothers pleiteging und die Weltwirtschaft mit nach unten riss.
Wunderwaffe Die Kurzarbeit gilt als eines der wichtigsten Instrumente. Sie hat verhindert, dass die Rezession zu einer Explosion der Arbeitslosigkeit führte. Zur Hochzeit der Krise im Frühjahr 2009 waren knapp 1,5 Millionen Menschen in Deutschland in Kurzarbeit. Tatsächlich hat sie nur einen Beitrag unter vielen geleistet. Flexible Arbeitszeitmodelle waren im Vergleich noch wichtiger.
Abgebaut Nach letzten Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit waren im August noch gut 173.000 Menschen in Kurzarbeit. Inzwischen könnten es bereits unter 100.000 sein. Damit bewegt sich die Kurzarbeit bereits wieder in die Richtung des Vorkrisenniveaus.
Kurzfristig Das Instrument mit öffentlicher Förderung wurde somit grundsätzlich so eingesetzt, wie es seinem Sinn entspricht: als kurzfristige Überbrückung der schweren Rezession.
Fortschritt Die offiziellen Zahlen geben ein eindeutiges Bild: Waren Anfang 2005 noch über fünf Millionen arbeitslos, sind es aktuell noch knapp über drei Millionen, wenn man die regelmäßigen Saisoneffekte herausrechnet. Unbereinigt liegt die Zahl sogar schon knapp unter drei Millionen. Die Arbeitslosenquote sinkt deutlich.
Vergleich Egal, welche Quote man heranzieht, ob die nach nationalen Standards, oder die nach internationalen Standards, die auf Umfragen basieren: Die Aussage ist die gleiche: Die Quoten laufen in dieselbe Richtung. Darüber hinaus nähern sie sich zuletzt an, weil die nationale Statistik sich den internationalen Gepflogenheiten annähert.
Standards Am aussagekräftigsten ist die internationale Quote nach der Methode der ILO. Hier werden wirklich nur Menschen erfasst, die kurzfristig in der Lage sind, einen Job anzunehmen. Mit 6,7 Prozent liegt Deutschland hier in der internationalen Spitzengruppe. In den USA sind rund zehn Prozent der Erwerbspersonen arbeitslos.
  • FTD.de, 07.11.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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