Trumpfkarte vieler Ostalgiker ist eine Anekdote: In den 80er Jahren reisten finnische Bildungspolitiker nach Ostberlin, um sich über Schule zu informieren. Jahre später war die DDR weg - und Finnland Pisa-Sieger.
Unterschlagen wird dabei, dass Finnland seine Experten nicht nur in die DDR, sondern auch in andere Länder schickte. Aus den Eindrücken entstand ein Mischsystem, das von allem ein bisschen kopierte.
Das DDR-Schulsystem war zunächst ein Machtinstrument der SED. Fahnenappell, Morgenlied und Staatsbürgerkunde sorgten für Systemtreue. Eine halbe Stunde vor der Elternversammlung trafen sich die "Genossen Eltern". Auch Erfolg war politisch definiert. Kindern von Systemgegnern blieb ein Studium häufig verwehrt, Arbeiterkinder mit weniger guten Leistungen wurden an die Unis geschleust.
Ideologie und Politik aus der DDR-Schule wegzudenken ist eigentlich unmöglich. Doch wer nur auf die Strukturen schaut, entdeckt eine erstaunlich zeitgemäße Mischung aus Unterstützung für alle und hartem Leistungsprinzip.
Die DDR hatte nur eine einheitliche Schulform: die Polytechnische Oberschule, die jeder Schüler mindestens acht Jahre lang besuchte. Eine frühe Trennung wie im dreigliedrigen Schulsystem der Bundesrepublik gab es nicht.
Schule war Lebensmittelpunkt. In Horten halfen Erzieher nachmittags bei den Schulaufgaben. Mit den Lehrern besprachen sie Schwächen und Stärken der einzelnen Kinder. Die finanzstärkeren Ostländer wie Sachsen und Thüringen profitieren noch heute vom Erhalt dieser Infrastruktur.
Doch das System sorgte nicht nur dafür, dass niemand zurückblieb. Talentsucher pickten früh die besten kleinen Musiker, Mathematiker oder Sportler zur besonderen Förderung heraus. Für Begabte herrschte dann allerdings ein Leistungsdruck, wie er an westdeutschen Schulen unvorstellbar war.