| Mouhanad Khorchide ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster sowie Verfasser des Buches "Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion". |
Ich kann mich noch lebhaft erinnern: In den 70er- und 80er-Jahren ging ich in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, eines stark salafitisch geprägten Landes, zur Schule. Dort wurde im Religionsunterricht das Bild eines Angst machenden Gottes vermittelt. Ein Bild, das sich kaum von einem Diktator, dem es um die Unterwerfung der Menschen unter seinen Willen geht, unterscheidet. Dieses Bild eines restriktiven Gottes, das dem koranischen Bild eines barmherzigen Gottes widerspricht, war ja nicht zufällig entstanden. Es ist einerseits eine Projektion von Stammesgesellschaften, in denen Gehorsam eine zentrale Tugend ist, und andererseits ein Instrument zur "Zähmung" von Menschen. Ich weiß noch, dass nicht nur unsere Religionslehrer, sondern auch der Schulleiter, wenn es darum ging, etwas schnell durchzusetzen, gleich mit Gott drohte.
Im Kindergarten wurde Kindern mit dem Einsperren in ein Zimmer voller Mäuse gedroht, später wurde dieses "Mäusezimmer" durch Gottes Höllenfeuer ersetzt. Sätze wie diese standen auf der Tagesordnung: "Wer nicht brav ist, den schickt Gott in die Hölle, dort wird er verbrennen", "Wer nicht gehorcht, verbrennt in der Hölle", "Wenn du nicht betest, schickt dich Gott in die Hölle". Den Mädchen erzählte man: "Wenn du kein Kopftuch trägst, werden deine Haare ewig in der Hölle brennen", "Wenn du Nagellack auf die Finger aufträgst, werden deine Finger im Feuer verbrennen", "Wenn du dich schminkst, wird Gott dein Gesicht verbrennen."
Erstaunlich ist, dass viele meiner Studierenden hier in Deutschland, die aus unterschiedlichen islamischen Ländern kommen, erzählen, dass sie ähnliche Erfahrungen in ihrer religiösen Sozialisation gemacht haben. Mit dieser schwarzen Pädagogik können Lehrer und Erzieher, nicht selten auch manche Eltern, rasch ans Ziel kommen - ohne viel diskutieren oder überzeugen zu müssen.
Dieser Missbrauch von Religion muss abgestellt werden, und ein fundierter bekenntnisorientierter Religionsunterricht ist dazu hilfreich: Ab diesem Schuljahr wird in Nordrhein-Westfalen als erstem Bundesland in Deutschland der islamische Religionsunterricht an 33 Grundschulen erteilt. Für die nächsten Jahre ist die landesweite Einführung an allen Schulen mit muslimischen Schülern geplant - ebenso in anderen Bundesländern. In Deutschland gibt es rund 900.000 muslimische Schüler.
Die Nachfrage nach geeigneten Lehrern für den Islamunterricht ist also groß: 2500 werden gebraucht. Die Universität Münster bildet bereits seit 2004 Lehrkräfte für diesen Religionsunterricht aus - mittlerweile sind die Unis Osnabrück und Erlangen hinzugekommen. Bislang geschah die Ausbildung allerdings ohne klare Jobperspektiven, da es das Fach an den Schulen nicht gab. Bis jetzt.
Bloß keine salafitische Auslegung
Die größte Herausforderung: Die Frage nach der Theologie, nach der die Lehrer ausgebildet werden sollen, muss beantwortet werden. Im Islam gibt es keine der Kirche ähnlichen Institution, die zu einem bestimmten Grad festlegt, wie eine islamische Theologie auszusehen hat. Im Islam gibt es vielmehr eine Bandbreite verschiedener Auslegungen.
Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass eine falsch verstandene Religion leicht für machtpolitische Zwecke instrumentalisiert werden kann. Heute leiden sowohl Muslime als auch Nichtmuslime in Deutschland unter der salafitischen Auslegung des Islam, die zu einem Konstrukt einer menschenverachtenden Ideologie wurde, die mit dem Islam selbst nur mehr einige Begrifflichkeiten und Äußerlichkeiten gemeinsam hat.
Diese Ideologie hat dafür gesorgt, dass das Bild vom Islam insgesamt stark verzerrt wurde. Er wird von etlichen Menschen mit Gewalt, Intoleranz und Aggression assoziiert. Viele gläubige Muslime projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott. Demnach gestaltet sich die Gott-Mensch-Beziehung als Beziehung zwischen einem Befehlshaber und einem, dem befohlen wird, einem Knecht. Der Herr braucht seinen Knecht, er ist auf seine Dienste angewiesen, um seine Herrlichkeit genießen zu können. Diese Vorstellung widerspricht aber der koranischen Vorstellung eines barmherzigen Gottes, der den Menschen aus seiner bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit erschaffen hat. Einem Gott, der Mitliebende sucht, die seine Liebe und Barmherzigkeit in Freiheit annehmen und sie in ihrem Lebensalltag Wirklichkeit werden lassen.
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Das eigentliche Problem liegt vor allem in der mangelnden Wertschätzung des Menschen als Mensch. Denn ob man nun mit einem "Mäusezimmer", mit Gewalt oder Höllenfeuer droht: Dahinter verbirgt sich stets eine Pädagogik, die sich nicht für den Menschen interessiert, sondern die darauf zielt, Menschen um jeden Preis zum Ausführen von Instruktionen zu bringen. Ob diese Instruktionen mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben oder nicht, ob die Menschen nachvollziehen können, warum sie sich an diese Instruktionen halten müssen oder nicht, interessiert nicht. Wichtig ist nur, dass die Instruktionen befolgt werden.
Was aber hätte Gott von jemandem, der nur deshalb zu ihm betet, weil er Angst vor ihm oder vor der Hölle hat? Was ist das für eine gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch, die nur auf Angst basiert. Es ist eine Beziehung, in der der Mensch mit den Lippen sagt: "Gott, ich liebe dich", in Wirklichkeit aber nur seiner Strafe entgehen oder für sich selbst materielles Vergnügen im Paradies herausschlagen will, anstatt eine aufrichtige Liebe zu Gott aufzubauen. Eine solche Angstpädagogik ist Ausdruck einer Diktatur, die im Menschen selbst errichtet ist, einer Diktatur, die sich in erster Linie gegen den Menschen selbst richtet. Denken, geschweige denn kritisches Denken, ist in einem solchen Kontext einfach nicht erwünscht. Es wird gelernt, unhinterfragt zu gehorchen, immer Ja zu sagen.
Nicht selten sind es auch Imame und religiöse Autoritäten, die davon profitieren, dass Menschen ihnen unreflektiert folgen, da ihre Machtstellung in der Gesellschaft dadurch bewahrt und gestärkt wird. All das widerspricht jedoch dem Geist des Koran. Dort werden Menschen, die die Botschaften von Propheten mit dem Argument ablehnten, man müsse bei dem bleiben, was von ihren Vorfahren überliefert wurde, mehrfach kritisiert.
Die Etablierung eines repressiven Gottesbildes wurde und wird von vielen Machthabern der islamischen Reiche stark unterstützt. Nicht wenige haben sich den Titel "Schatten Gottes auf Erden" verliehen. Sie machten damit klar: Wer dem Herrscher widerspricht, widerspricht Gott. Damit das Volk gefügig bleibt, ließen sie das Bild eines Gottes konstruieren, dem Gehorsam über alles geht. Das spielt bis heute in einem diktatorischen Staat wie Saudi-Arabien eine wichtige Rolle: Jede Opposition wird nicht nur als weltliche Opposition hingestellt, sondern als Opposition, die sich gegen Gott richtet. Und es wundert daher nicht, dass gerade ein Land wie Saudi-Arabien der Nährboden für Salafisten ist. Da greifen repressive Strukturen ineinander, die sich gegenseitig unterstützen.
Schaut mal in den Koran
Beim Blick in den Koran aber wird deutlich: Der koranische Gott stellt sich uns ganz anders vor. Er stellt sich als der liebende, barmherzige Gott vor, der Mitliebende sucht, die bereit sind, seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit zu teilen, in ihrem Alltag Wirklichkeit werden zu lassen. Er sagt im Koran über sich, dass seine Barmherzigkeit alle Dinge umfasst - und sagt zu Mohammed unmissverständlich: "Wir haben dich lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt" (Koran Sure 21, Vers 107). Dieser Gott interessiert sich für den Menschen, für seine Vervollkommnung, ihm geht es nicht um ein juristisches Regelwerk, zu dem manche Muslime und Islamkritiker den Islam gemacht haben. Der Koran beschreibt die von Gott angestrebte Gott-Mensch-Beziehung als Liebesbeziehung (Koran Sure 5, Vers 54). Eine solche Beziehung gestaltet sich nicht über juristische Kategorien und schon gar nicht über Angst und Drohung.
In meinem Buch "Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion" verstärke ich das koranische Angebot, die Barmherzigkeit als Kriterium der Auslegung des Islam in den Mittelpunkt zu stellen. Jede Interpretation des Islam, die mit diesem Kriterium der Liebe und Barmherzigkeit im Einklang steht, ist im Sinne des koranischen Angebots. Menschenfeindliche Interpretationen des Islam haben mit dem Islam an sich nichts gemein - außer den Begrifflichkeiten, die mit falschen Inhalten gefüllt werden. Auf der Grundlage einer Theologie der Barmherzigkeit können und sollen sowohl die Ausbildung der Religionslehrkräfte als auch der islamische Religionsunterricht gestaltet werden.
786 - As-salamu alaikum. - Lese ich den Titel des Beitrags "So werden wir den Islam in Deutschland lehren", schrillen bei mir alle Alarmglocken. Denn der Titel kann nicht von einem Muslim verfaßt worden sein, erst recht nicht von einem Islam-Lehrer, denn beide wissen, daß wir nicht über die Zukunft sprechen sollen, außer in Verbindung mit einem "in-shâ Llâh", "so Gott will".