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Merken   Drucken   19.07.2011, 20:10 Schriftgröße: AAA

Schwache Lohnentwicklung: Kalkulierte Kehrseite des Aufschwungs

Leitartikel Das Ausland staunt wieder, wenn es auf Deutschland blickt. Einen "Hafen in Europas Sturm" hat das "Wall Street Journal" ausgemacht, vor allem für verunsicherte Investoren.
Und mancher Analyst sieht Deutschland wieder in der Rolle der wirtschaftlichen Lokomotive Europas, angetrieben von den DAX -Unternehmen. Was für ein Wohltat angesichts deutscher Wehelieder - und im Vergleich zum Bild, das Deutschland der Welt noch vor wenigen Jahren bot. Da fuhr es nicht als Lokomotive voran, sondern bummelte mit der roten Laterne hinterher.
Doch diese Stärke hat ihren Preis: Deutschland gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit, während Arbeitnehmer mit sinkenden Reallöhnen zu kämpfen haben, vor allem solche mit geringen Einkommen. Sich über die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts und die Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zu wundern wäre allerdings vermessen. Diese Kehrseite des Booms war kalkuliert.
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Der wachsende Niedriglohnsektor ist nicht einfach entstanden, er wurde geschaffen. Deutschland erfährt im Guten wie im Schlechten die Folgen der Hartz-Reformen. Sie sind Folgen einer bewussten politischen Entscheidung: Als Deutschland rund fünf Millionen Arbeitslose zählte, war es ein breiter Konsens, dass eine schlecht bezahlte Arbeit besser ist als gar keine. Das ist volkswirtschaftlich gesehen berechtigt.
Doch es ist deutlich, dass es auch Verlierer der Gleichung gibt. Die DIW-Analyse zeigt, dass vor allem das Minus der untersten Einkommen das Lohnniveau drückt. Während der durchschnittliche Reallohn gegenüber 2000 um gerade mal 2,5 Prozent sank, sind die untersten Gruppen mit zehn bis 22 Prozent besonders betroffen.
Sinkende Reallöhne sind inzwischen ein Charakteristikum der deutschen Wirtschaft, schwache Binnennachfrage bei starkem Export eingeschlossen. Vieles deutet darauf hin, dass die Arbeitsmarktreformen überreizt wurden. Offenbar geht die geringfügige Beschäftigung - mit der Arbeitslose leichter im Jobleben Fuß fassen sollten - zum Teil zu Lasten bislang gut bezahlter Vollzeitstellen. Um die exzessive Ausnutzung von Minijobs und Leiharbeit einzudämmen, müssen die Regeln überarbeitet werden.
Eine Senkung der Einkommensteuer dürfte aber kaum nutzen, Niedriglöhner zahlen sie bereits kaum. Sozialabgaben dagegen fallen - zumindest bei einer niedrig bezahlten Vollbeschäftigung für bis zu monatlich 800 Euro - bei ihnen voll ins Gewicht. Deren Senkung wäre ein lohnender Schritt. Bei aller neu gewonnenen Stärke kann Deutschland es sich nicht leisten, das Einkommen von Konsumenten zu schwächen, die Sozialkassen leiden zu lassen und Millionen Arbeitnehmer auf Kosten der Steuerzahler in die Altersarmut zu entlassen.
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  • Aus der FTD vom 20.07.2011
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Kommentare
  • 21.07.2011 22:09:26 Uhr   Pimpel: Leiharbeiter

    Meine Meinung ist, daß die SPD und die Gewerkschaft mit der Einführung der Leiharbeit, den Niedriglohnsektor kräftig angekurbelt hat.

  • 20.07.2011 19:24:55 Uhr   Frank Bölling: KEHRSEITE des Aufschwungs
  • 20.07.2011 15:27:24 Uhr   Der Rabe: Mindestlohn
  • 20.07.2011 14:34:15 Uhr   KK_: Das ist dei Bedeutung von wettbewerbsfähig
  • 20.07.2011 14:30:42 Uhr   Pelle: Zahlen verstehen!
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