FTD.de » Politik » Deutschland » Serie: "Auf die Botschaft kommt es an"
  FTD-Serie: Reportage-Reihe: Deutschland vor der Wahl

Ökonomisch steckt Deutschland in der Krise, politisch kann es sich voraussichtlich im Herbst entscheiden. Was erhoffen sich Unternehmer, Bürgermeister und andere Entscheider von einer neuen Regierung?

Merken   Drucken   06.07.2005, 14:39 Schriftgröße: AAA

Serie: "Auf die Botschaft kommt es an"

Sebastian Turner, Chef von Scholz & Friends, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Werbern. Mit Stimmungen kennt er sich berufsbedingt aus; die harten Wirtschaftsfakten liefern ihm die Gespräche mit den Kunden. Stimmung wie Lage hält er für mies. von Ludwig Greven, Berlin
Besorgt: Scholz&Friends-Chef Sebastian Turner   Besorgt: Scholz&Friends-Chef Sebastian Turner
Sebastian Turner sitzt in einer ehemaligen Fabriketage in einem Hinterhof in Berlin Mitte. Mit ruhiger Stimme beschreibt der studierte Politologe und Betriebswirt seine Sicht der Situation im Lande und den Reformbedarf. "Wir Deutschen neigen ja gerne zum Jammern", sagt Turner, "aber die Lage ist noch schlechter als die Stimmung."
Deutschland, analysiert der als Top-Kreativer Gefeierte nachdenklich, befinde sich in einer "Spirale abwärts". Die wichtigsten Gründe für ihn: die Bevölkerungsentwicklung und der Niedergang des Bildungssystems - der wichtigsten Ressource des Landes, vor allem aber die wachsende internationale Konkurrenz. "Die Standortvorteile Deutschlands sind reproduzierbar geworden. Hungrige Volkswirtschaften ahmen unser Erfolgsmodell nach."
Das wahre Ausmaß der Probleme jedoch, beobachtet Turner mit Blick auch auf die Politik, sei vielen noch gar nicht bewusst. Die Bürger immerhin scheinen ihm schon die Notwendigkeit der Veränderungen zu spüren. "Es spricht eigentlich sehr für den Realitätssinn der Deutschen, dass sie so konsumunlustig sind und sparen.", sagte der Werber ohne den bei vielen Kollegen in der Branche verbreiteten klagenden Unterton.
Rationale Konsumverweigerung
Für die deutsche Wirtschaft hat diese Konsumzurückhaltung jedoch katastrophale Folgen: Die Binnennachfrage stagniert, weil die Bürger das Geld festhalten statt es in die Läden zu tragen. Das Konsumklima, schreibt Turners Kollege Holger Jung von Jung von Matt, hänge direkt von den politischen und sozialen Rahmenbedingungen ab: "Der Verbraucher möchte schon wollen, er traut sich nur nicht zu dürfen", so Jung. Auch die beste Werbung richtet da offenbar nur schwer etwas aus.
Turner hält die Konsumverweigerung angesichts der Entwicklung der öffentlichen Finanzen und der Krise des Sozialstaats dennoch für eine vernünftige Reaktion, auch wenn viele der Werbekunden darunter leiden: "Die Menschen merken, dass die staatlichen Sozialsysteme nicht mehr ausreichen."
Der 38-Jährige, der nach der Wende in Dresden die erste Werbeagentur in Ostdeutschland gründete und kurz darauf mit Scholz & Friends zu einer der führenden deutschen Agenturen mit heute 870 Mitarbeiter in 19 Ländern vereinte, hält ein "brachiales Umdenken" im Land für unerlässlich, "bis in die Familien hinein".
Umverteilung ins Nichts
Ein schlagendes Beispiel für ihn: die Hartz-IV-Reform. Das Zusammenlegen von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, im Vorfeld als "sozialer Kahlschlag" gegeißelt, zeige, wie staatliche Planung versagt: "Da sollte bei Vielen etwas eingespart werden. Aber unter dem Strich verursachte das Mehrkosten von vielen Milliarden. Das ist eine Umverteilung ins Nichts" - und erschüttert bei Bürgern wie Turner das Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit der Politik. "Es scheint niemand mehr zu geben, der diese Komplexität noch beherrscht."
Turners Antwort darauf: "Weniger Staat wagen." Ob eine Regierung unter Angela Merkel jedoch bessere Rezepte hat als die jetzige? Das ist für ihn noch offen. Aber immerhin "könnte" ein Regierungswechsel eine Aufbruchstimmung erzeugen, glaubt er; sicher jedoch sei das nicht: "Das kommt nicht von allein."
Ein Gutes immerhin hat aus der Sicht des Werbe-Profis die Neuwahl-Debatte: "Die Erkenntnis setzt sich durch, dass die alten Rezepte nicht mehr greifen." Sozusagen die Stufe eins des politischen Heilungsprozesses des Lands.
"Politik muss Verheißung geben"
Eine zentrale Rolle -Stufe zwei - spielt aus Sicht des Werbers bei dem notwendigen politischen Paradigmenwechsel die richtige Vorbereitung und Vermittlung: "Politische Kommunikation ist wichtig, wenn man die Bürger für Veränderungen gewinnen will."
Bei der jetzigen Koalition beobachtet Turner dabei ein Paradox: Die 68-er Generation habe seinerzeit die Manipulation durch die Werbung heftig kritisiert - und, als sie dann selber endlich an die Macht kam, die Wirkung politischer Werbung selber völlig überschätzt und dafür so viel Geld ausgegeben wie keine Regierung zuvor. Dabei habe sie aber übersehen, dass es vor allem auf die "Schlüssigkeit der inhaltlichen Vorschläge" ankomme - und nicht auf bloße abstrakte Schlagworte wie Agenda 2010.
Aber auch eine neue Regierung sieht Turner angesichts der notwendigen Einschnitte in einem Dilemma: "Die Politik muss Verheißung geben und gleichzeitig Opfer einfordern. Wie aber kann man Zuversicht verbreiten, wenn man über das Ausmaß der Krise aufklären muss?"
  • FTD.de, 06.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote