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Merken   Drucken   15.03.2006, 18:44 Schriftgröße: AAA

Serie Grundschule: Private mischen das Schulsystem auf

In Neuruppin unterhält ein Wirtschaftsverband eine Montessori-Schule. Die Hürden für die Neugründungen von privaten Grundschule sind allerdings hoch. von Friederike von Tiesenhausen, Berlin
Private Grundschulen in Deutschland   Private Grundschulen in Deutschland
Nacheinander trudeln die Schüler im Klassenraum ein. "Hallo, Herr Pauli", sagt Nuria, und fügt mit gespieltem Erstaunen hinzu: "Boah, du bist aber heute schick angezogen." Schulleiter Stephan Pauli protestiert: "Ich bin immer schick", und wendet sich Hilfe suchend an Nurias Freundin Lea: "Stimmt doch, oder?" Das freundliche Geplänkel erinnert mehr an Morgenschnack im Büro als an routinierten Schulalltag.
Nach einigen Minuten holen die Kinder ihre Aufgabenbücher hervor. Kaum einer macht das Gleiche wie der Nachbar. Lea knobelt an einem Rechenspiel. Nuria schreibt eine Geschichte. Lehrer Pauli geht von Tisch zu Tisch, hilft hier, lobt da. Gelegentlich kommt die Bitte: "Korrigierst du mal, Herr Pauli?"
Vom Regelschulsystem enttäuscht
Vor knapp drei Jahren genehmigte das Land Brandenburg das Pädagogium Neuruppin als staatlich anerkannte Ersatzschule. Hier wird nach Montessori-Prinzipien unterrichtet. Kernidee der italienischen Pädagogin: Durch eigenständiges Lernen erzielen Kinder die nachhaltigsten Erfolge. Der Lehrer soll Partner, nicht Autorität sein.
Solche Ansätze ziehen immer mehr Eltern an, die vom Regelschulsystem enttäuscht sind. Doch trotz eines starken Anstiegs in den letzten Jahren machen Private nur drei Prozent aller Grundschulen aus. Für Anja Ziegon vom Bundeselternrat ist das zu wenig: "Das gesamte System profitiert, wenn engagierte Einrichtungen Neues ausprobieren." Ein Beispiel, das Schule macht: Mit Sprachunterricht ab Klasse eins, der erst jetzt in vielen Bundesländern eingeführt wird, machten Privatschulen schon vor Jahrzehnten gute Erfahrungen.
Doch insbesondere für private Grundschulen sind die Hürden hoch. Nach Artikel 7 des Grundgesetzes muss eine private Volksschule entweder konfessionell sein oder ein besonderes pädagogisches Konzept verfolgen. Schulträger, die einfach nur normale Schule besser machen wollen, haben kaum Chancen auf Anerkennung und damit auf staatliche Zuschüsse.
"Die meisten Politiker sind trotz verstärkter Elternnachfrage feindselig", klagt der Bundesverband Deutscher Privatschulen (VDP). Zwar gäbe es einige offenere Bundesländer. Doch bei sinkenden Schülerzahlen und knappen Kassen herrsche meist Sorge, sich durch neue Ersatzschulen zu zusätzlichen Ausgaben zu verpflichten.
Wirtschaftsverband hilft beim Genehmigungsverfahren
Ohne Zweifel ist es beim langwierigen Genehmigungsverfahren von Vorteil, wenn nicht nur alternative Pädagogen, sondern auch Wirtschaftsinteressen mit im Boot sind. Beim Pädagogium etwa gehören die wichtigsten Arbeitgeber der Region dem Schulträgerverein an. Denn die Schule entstand auf Anregung der örtlichen Meister, die immer unzufriedener mit ihren Auszubildenden wurden. Ihre Klage: Die Teenager könnten nicht mehr selbstständig denken. Da beschloss das Berufliche Bildungszentrum der Prignitzer Wirtschaft, selbst aktiv zu werden. Auch ein Gymnasium soll demnächst folgen.
Über den Einwand, dass Montessoris Reformpädagogik und ein Wirtschaftsverband ein ungleiches Paar abgeben, kann Geschäftsführerin Ines Ranke nur lachen: "Für unsere Unternehmen ist der Standortfaktor Bildung entscheidend. Und das Pädagogium holt das Beste aus den Kindern heraus."
Die örtlichen Schulen in Neuruppin beäugten den Neuling anfangs noch misstrauisch. "Es kursierten jede Menge bizarre Vorurteile", erinnert sich Schulleiter Pauli. Austausch gab es zuerst so gut wie keinen. Nach Ansicht von Experten liegt in diesem Misstrauen oft ein großes Versäumnis. "Von den Erfahrungen privater Schulen fließt noch zu wenig zurück", kritisiert der Grundschulverband. Die öffentlichen Schulen straften die Konkurrenz mit Nichtachtung. Aber auch mancher freier Träger sei unwillig, sein Konzept zu teilen.
Doch in Neuruppin haben nach den anfänglichen Eifersüchteleien die staatlichen Schulen Interesse an den Ideen des Pädagogiums bekundet. Denn für die Regelschulen steht viel auf dem Spiel: Ihre Anmeldungen sind stark zurückgegangen.

Starke Nachfrage
Deutschland Die Zahl der Privatschulen steigt stark. Dennoch machen private Institute noch immer nur drei Prozent aller Grundschulen aus.
International In vielen anderen Staaten ist der Anteil der Privatschulen höher. In Belgien und den Niederlanden beispielsweise beträgt er mehr als 50 Prozent.
  • Aus der FTD vom 16.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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