Friedbert Pflüger ist Professor am King's College London und Mitglied des CDU-Bundesvorstands. Als Unternehmensberater ist er unter anderem für Moser Baer Clean Energy tätig.
Am heutigen Mittwoch berät der Umweltausschuss des Bundestags über die von der Bundesregierung geplanten einschneidenden Kürzungen bei der Solarförderung. Setzt sich der Regierungsvorschlag ohne wesentliche Änderungen durch, wird dies das Vertrauen in das weltweit bewunderte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) untergraben und die Führungsrolle der deutschen Solarwirtschaft gefährden.
Auf den ersten Blick wirken die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung verständlich. Seit 2004 hat sich die installierte Fotovoltaikleistung in Deutschland auf 8,4 Gigawatt mehr als verzehnfacht. Allein im Jahr 2009 gab es einen Zuwachs von 80 Prozent, insgesamt 3000 neu installierte Megawatt, etwa die Hälfte des globalen Fotovoltaikmarkts. Gleichzeitig wurde durch diese Förderung das Ziel einer drastischen Kostensenkung erreicht: Die Zahl der Solaranlagen unter 100 Kilowatt ist zwischen 2006 und 2009 um 40 Prozent gesunken.
Gerade die außerordentlichen Erfolge des EEG haben paradoxerweise nun dazu geführt, dass der Ruf nach einer Anpassung der Förderung laut wurde. Nicht einmal die Unternehmen der Solarbranche und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) bestreiten die Notwendigkeit einer Reduzierung der Einspeisetarife. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Gesetzesanpassungen dürfen die Verlässlichkeit des Instruments EEG nicht grundsätzlich infrage stellen. Die Unternehmen benötigen Spielraum, um ihre technologische Führungsrolle zu behaupten und durch Innovationen Arbeit und Wachstum zu schaffen. Die solare Massenproduktion wird nämlich wegen des Kostenvorteils bereits seit einigen Jahren schrittweise nach Asien verlagert. Schott Solar etwa hat diesen Schritt soeben angekündigt.
Die Politik und die solare Energiewirtschaft dürfen deshalb nicht in der Debatte über Einspeisesätze und Fristen verharren, sondern müssen sich entschlossen den langfristig notwendigen Weichenstellungen zuwenden. Es geht um ein industriepolitisches Solarkonzept, um die proklamierten Klimaziele umzusetzen und in der globalen Führungsposition zu bleiben.
Der Ausbau dezentraler Strukturen und die weitere Nutzung regenerativer Energien erfordern vor allem eine Revolution der Netze. Es geht um die Einführung sogenannter Smart Grids, die durch entsprechende Netzinfrastruktur und Steuerungstechnik eine intelligente Abrechnung des Stromverbrauchs ermöglichen. Hier liegen enorme Wachstumschancen, wenn die Unternehmen oder Eigenheime mit intelligenten Stromzählern ausgerüstet werden. In den USA werden zurzeit Unsummen private und staatliche Forschungsgelder für Smart Grids ausgegeben. Zu den weltweit führenden Anbietern gehört aber auch die Siemens AG, die den Energieversorgern schon heute eine Komplettlösung zur automatischen Erfassung von Stromverbrauchsdaten liefert.
Windkraft oder Sonnenenergie alleine sind wegen der Wetterschwankungen nicht grundlastfähig. Durch eine intelligente Bündelung mehrerer regenerativer Quellen lässt sich eine solche Grundlastfähigkeit jedoch herstellen. Kombikraftwerke, wie sie zum Beispiel Evonik Power Saar in Saarbrücken betreibt und die Europäische Union mit dem EU-VPP (Virtual Power Plant) grenzübergreifend plant, stellen einen Schlüssel zur Integration erneuerbarer Energien und Substitution von Kohle- oder Atomkraftwerken dar.
Viele erneuerbare Energien werden verschwendet oder können keine Rundumversorgung liefern, da sie nicht durchweg zur Verfügung stehen und die Technologie der Speicherung noch nicht so weit ausgereift ist. Bei der Förderung neuer Speichertechnologien hinkt Deutschland hinter China, Indien oder den USA her. Das Berliner Unternehmen Younicos hat es jedoch geschafft, ein Speicherkonzept zu entwickeln, das schon jetzt die Versorgung von Inseln aus 100 Prozent erneuerbaren Energien ermöglicht.
Umweltminister Norbert Röttgen hat das richtige Signal gesetzt. Privathaushalte, die ihren Solarstrom selbst verbrauchen, sollen künftig 8 statt 3 Cent pro Kilowattstunde erhalten. Dies soll einen Anreiz dafür bieten, dass der Bürger sich persönlich am Klimaschutz beteiligt, gleichzeitig aber auch dezentrale Strukturen der Energieversorgung fördern. Wärmepumpen und Miniblockheizkraftwerke, wie sie etwa die Gasag in Berlin anbietet, zielen in diese Richtung, genauso wie das Projekt von Volkswagen und Lichtblick in Norddeutschland, mit dem 100.000 private Blockheizkraftwerke zusammengeschaltet werden sollen, um so eine Wirkung wie ein einziges großes Gaskraftwerk - mit 2000 Megawatt Gesamtleistung - zu entfalten. Wir könnten ein Volk von Stromanbietern werden.
BASF zum Beispiel arbeitet an einer neuen Solarzellentechnologie auf Basis organischer Materialien, die sich direkt in Gebäude oder Fahrzeuge integrieren lässt. Mit dieser Technik soll auch bei diffusem oder gar künstlichem Licht Strom erzeugt werden können. Auf Kunststofffolien aufgedampft, werden Solarzellen an Hausfassaden und Fenstern angebracht. Ab 2020 wird es möglich sein, die Autokarosserie zur Solarzelle zu machen.
Ein solches industriepolitisches Gesamtkonzept für die solare Energiewirtschaft würde unsere Versorgung revolutionieren. Hier liegt die Zukunft. Darüber den Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu führen ist zielführender als ideologische Endlosdebatten über die Verlängerung der Laufzeiten europäischer Kernkraftwerke.
Eine Logik der aktuellen Diskussion muss man mir mal erklären:
Jetzt wird in einem gut funktionierenden Markt die Förderung, die umlagefinanziert durch den Energieverbraucher getragen wird, mitten in der Geltungsperiode eines Gesetzes gekürzt. Damit sollen Bürger weniger für ihren Strom zahlen - wer's glaubt ...
Gleichzeitig wird "echtes" Steuergeld genommen, um eine Forschung zu fördern, die keiner braucht. Wir müssen günstiger werden, nichts anderes.
Asien schafft dies auf ganz simple Weise: Durch entsprechende Sicherheit seitens des Staates können chinesische Firmen zur Refinanzierung ihrer Fabriken längere Zeiten ansetzen, wodurch ihr Produkt billiger und extrem wettbewerbsfähig wird. Bei uns geht man den anderen Weg: Man schafft Unsicherheit, wodurch die Planungshorizonte der Industrie sinken und die Fabriken schneller abbezahlt werden müssen - das macht das Produkt teuer!
Wo hilft hier eine Forschungsförderung?!?!?