Angst vor der Zukunft: Jungunternehmer Michael Wendt
Michael Wendt wirkt wie ein Vorzeigeunternehmer aus dem Bilderbuch: Mit 21 Jahren, noch vor Beginn seines Doppelstudiums als Ingenieur und Betriebswirt, übernahm der gelernte Maschinenschlosser im niedersächsischen Georgsmarienhütte einen kleinen, maroden Drei-Mann-Metallbaubetrieb. "Nach dem vierten Semester hatte ich schon 40 Mitarbeiter", erzählt er in seinem mit rustikaler Schrankwand, schweren Ledermöbeln und Jagd-Trophäen möblierten Büro.
Heute, 14 Jahre später, beschäftigt der 35-jährige Systemanalytiker mehr als 100 Mitarbeiter, die an zwei Standorten Spezialmaschinen vor allem für die Gummi verarbeitende Industrie und Verpackungshersteller sowie medizinische Laborgeräte bauen. Dennoch drücken den Mittelständler Sorgen und Ängste.
Die geringste dabei ist noch die Auftragslage. Die sei aufgrund der breiten Produktpalette "noch einigermaßen gut". Weit mehr fürchtet der Jungunternehmer die immer stärkere Konkurrenz aus dem Ausland. Denn mit seinen Anlagen, etwa zur Herstellung von Zementsäcken oder Keilriemen, konkurriert er heute gegen wesentlich billigere Anbieter aus Rumänien oder Slowenien. "Was wir können, können die bald auch - und die bekommen von uns noch die Blaupausen dazu. Made in Germany zieht nicht mehr."
Gefahr für Produktion
Die Einkäufer einiger seiner Großkunden haben inzwischen die ausdrückliche Vorgabe, die Mehrzahl der Maschinen und Zulieferteile aus Kostengründen im Osten oder im außereuropäischen Ausland zu ordern. "Wenn wir uns nicht gewaltig anstrengen", warnt Wendt aus eigener, schmerzvoller Erfahrung, "gerät der gesamte Produktionsstandort Deutschland in Gefahr." Ohne Produktion aber seien die verbliebenen Arbeitsplätze nicht zu halten. "Nur als Land der Dichter, Denker und Entwickler werden wir nicht überleben."
Mehr denn je sieht der stämmige Unternehmer deshalb die Politik gefordert - und hofft auf eine neue Aufbruchstimmung nach der Bundestagswahl. "Die Regierung muss aufhören, die Probleme der ganzen Welt lösen zu wollen, und sich erstmal um die Probleme im eigenen Land kümmern", fordert er. Dazu gehören für ihn zuvörderst der Abbau der Bürokratie.
Wenn Wendt zeigen will, wie sehr Behördenwillkür und die Flut an Verwaltungsvorschriften ihm und seinen Unternehmer-Kollegen das Leben schwer machen, braucht er nur die Treppe in seine Produktionshalle hinunter zu steigen. Dort lackieren in einer Ecke hinter einer grünen Stahltür zwei Mitarbeiter Maschinenteile. Ohne korrosionsfesten Anstrich nimmt die kein Kunde ab. Nun schreibt aber eine neue Verordnung vor, dass kein Betrieb in Deutschland pro Jahr mehr als fünf Tonnen Lösungsmittel verarbeiten darf. Überschreitet er diese Grenze, muss er sich selbst beim Gewerbeaufsichtsamt melden und ein Konzept vorlegen, wie er die Menge der giftigen Stoffe verringern will.
Lähmende Bürokratie
Deshalb sitzt Wendt einmal im Jahr ein ganzes Wochenende am Schreibtisch und addiert die einzelnen verarbeiteten Lackmengen, multipliziert sie jeweils mit dem Anteil an Lösungsmitteln - und kommt am Ende auf sieben Tonnen. "Um davon runter zu kommen, gibt es für mich nur einen Weg: Ich entlasse einen Mitarbeiter und lasse die Maschinen bei einem Fremdbetrieb lackieren. Dann gibt es einen Arbeitslosen mehr - und kein Gramm Lösungsmittel weniger wird in Deutschland verarbeitet. Aber ich habe die Verordnung erfüllt."
Wendt kann auch von seiner Frau erzählen. Die versucht gerade, im benachbarten Osnabrück einen Frisörsalon zu eröffnen. Weil sie aber schon einen Salon in Hessen besitzt und dort in der Meisterrolle eingetragen ist, müsste sie dafür einen Meister einstellen - was sie sich nicht leisten kann. Verkaufen kann sie ihren bisherigen Betrieb aber vorerst auch nicht: Die junge Angestellte, die den Laden übernehmen will, muss erst noch die Meisterprüfung ablegen - beim einzigen Konkurrenten im Ort.
"Das sind solche Dinge, die Firmengründer gründlich abschrecken. Oder sie geben ganz schnell wieder auf", sagt Wendt, der sich ehrenamtlich beim Bund Junger Unternehmen und der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger engagiert und bei Besuchen an Schulen versucht, das "Zerrbild vom Unternehmer" zu korrigieren. Und die Schüler zu motivieren, vielleicht später einmal selbst den riskanten Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.