In der SPD herrscht eine Art Gleichgewicht des Schreckens. Wenn es nicht noch weiter abwärts gehen soll, müssen die beiden mächtigsten Männer,
Kurt Beck und
Frank-Walter Steinmeier , irgendwie zusammenhalten. Beide haben Interesse daran, das zerbrechliche Gleichgewicht zwischen den Parteiflügeln zu wahren. Steinmeier, von dessen Kanzlerkandidatur die meisten in der SPD-Führung ausgehen, braucht Becks Unterstützung als Absicherung nach links. Beck braucht Steinmeier und die Parteirechte, wenn er Parteichef bleiben will. Am Wochenende teilen sich Beck und Steinmeier daher die Aufgabe, den eigenen Laden vor der Sommerpause noch einmal zur Ordnung zu rufen.
"Kompletter Unsinn", sagt Steinmeier zu Berichten, Vertreter der Parteirechten wollten ihn nicht nur als Kanzlerkandidaten, sondern auch als Parteichef. Beck fordert seine anonymen Kritiker auf, sich nicht länger "feige" zu verstecken. Die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur liege allein bei Beck, gibt sich Steinmeier am Sonntagabend im ZDF bescheiden. Sollte dieser kandidieren, "werde ich ihn vorbehaltlos darin unterstützen."
Mit solchen Loyalitätsbekundungen schafft er sich Raum, die Kandidatenrolle schon mal zu testen. Beim Parteitag der Niedersachsen-SPD in Hannover stehen die Genossen jubelnd auf, als seine Rede noch gar nicht ganz zu Ende ist. "Ich will neue Mitglieder gewinnen, ich will Wahlen gewinnen", hat der Vizekanzler ihnen zugerufen. Man könne auch mal ein Spiel verlieren: "Aber wenn es drauf ankommt, dann wird gekämpft, dann kann es auch Wunder geben." Auch die gegen den Koalitionspartner CDU/CSU gerichteten Angriffe sind ganz nach dem Geschmack der Genossen. Niedersachsen ist für Steinmeier als langjährigem Mitarbeiter des früheren Ministerpräsidenten und Kanzlers
Gerhard Schröder ein Heimspiel, auch wenn er 2009 in Brandenburg für den Bundestag kandidieren wird.
Der stellvertretende Landesvorsitzende Hauke Jagau begrüßt Steinmeier schon mal als "Bundeskanzler" und Landeschef Garrelt Duin sagt: "So wünschen wir uns das: Klare Ansprache, klare Inhalte, klare Worte." Klare Worte findet auch Kurt Beck, der am Samstag wenige Stunden vor Steinmeier beim Berliner SPD-Landesparteitag spricht. Er werde sich nicht hinter einem Baum verstecken, nur weil das bequemer sei. "Ich werde stehen, auch wenn das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig ist." Darauf hofft sogar Steinmeier.