Im Sturm kann Peer Steinbrück die Herzen der Basis nicht erobern. Eher zurückhaltend schreitet der 65-Jährige am Samstag auf dem Landesparteitag der NRW-SPD in Münster durch die Reihen, nimmt hier und da Glückwünsche entgegen und grüßt alte Weggefährten, ehe er unter Blitzlichtgewitter vorne Platz nimmt. Es scheint, als müsse die Basis mit dem früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und einstigen Bundesfinanzminister erst wieder warm werden. Am Ende seiner Rede erhält der designierte SPD-Kanzlerkandidat aber dann doch Jubelstürme und minutenlangen Beifall.
"Jetzt geht's los", machen sich Delegierte in Gesprächen Mut, nachdem Steinbrück eine halbe Stunde lang die Seele der Partei gestreichelt und mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Attacke umgeschaltet hat. "Ich freue mich hier zu sein", umgarnt er die Delegierten. Schließlich sei er seit 1975 in dem Landesverband Nordrhein-Westfalen zu Hause. Den rheinischen Sprachgebrauch habe er sich in dieser Zeit aber nicht angewöhnt, fügt der gebürtige Hamburger hinzu und sorgt damit für die ersten Lacher im Saal. Wahlkampf müsse auch Spaß machen, betont er. "Witz und Humor ist auch wichtig." Steinbrück will die alten Grabenkämpfe insbesondere mit dem linken Parteiflügel hinter sich lassen und fordert die Partei zur Einigkeit auf. "Die Geschlossenheit ist wichtig." Sonst sei die Wahl nicht zu gewinnen.
"Wir sind jetzt im Wahlkampfmodus", hatte zuvor bereits Ministerpräsidentin Hannelore Kraft den Genossen zugerufen. Sie räumt ein, dass die Kandidatur Steinbrücks früher als erwartet kam, was aber auf ihre volle Zustimmung trifft. "Ich freue mich, dass Sigmar Gabriel Peer Steinbrück vorgeschlagen hat als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland."
Auf den Fluren der Halle Münsterland wird deutlich, dass die SPD in Sachen Steinbrück-PR in den kommenden Monaten noch zulegen kann. Am Bücherstand ist noch nicht viel von dem neuen Hoffnungsträger der Partei zu sehen. Eine Steinbrück-Biographie steht einsam neben Werken von oder über Vertreter der alten Garde wie Herbert Wehner und Egon Bahr.
An einem Stand mit SPD-Devotionalien sind Autogrammkarten von Steinbrück noch Fehlanzeige. Stattdessen grüßen SPD-Chef Gabriel, Kraft oder Generalsekretärin Andrea Nahles. Die Kandidatur Steinbrücks sei auch für ihn überraschend gekommen, sagt der Mann hinter dem Tresen. "Als ich losfuhr, war er es noch nicht." Statt Steinbrück-Buttons hat er jede Menge andere Artikel in den rot-weißen Parteifarben im Angebot: Den SPD-Fußball für 5 Euro, die Brotdose für 1,20 Euro oder die SPD-Badeente für 50 Cent.
Steinbrück selbst hat sich inzwischen warm gelaufen. Der Mindestlohn muss her, die Finanzmärkte müssen schärfer reguliert und Frauen und Männer gleich bezahlt werden. Schließlich holt er erneut zum Angriff auf die Regierung aus. Die SPD solle sich schließlich nicht mit sich selbst, sondern mit Merkel & Co beschäftigen. "Schwarz-Gelb kann nicht regieren - so einfach ist das." Anstatt sich fest mit beiden Händen am Rednerpult festzuhalten, zeigt er nun mahnend mit den Fingern in die Luft. "Die Vorstellung ist die schlechteste eines Bundeskabinetts seit 1949." Das wollen die Delegierten hören.
Zum Schluss mahnt er die Parteimitglieder nochmal dazu, ihm seine Ecken und Kanten zuzugestehen und Meinungsunterschiede nicht überzubewerten. Schließlich müsse er bei der Wahl in einem Jahr nicht nur die Partei überzeugen. "Ein Kanzlerkandidat der SPD muss 62 Millionen Wähler erreichen und nicht nur 500.000."