"Das ist ein schlechter Start für die Tarifrunde", sagte der Chefvolkswirt der Bank of America, Holger Schmieding. Auch in anderen Branchen könnten nun gut vier Prozent erreicht werden. Mehr als drei Prozent in der Gesamtwirtschaft könnten allerdings den Beschäftigungsaufbau insgesamt bremsen, sagte er.
Der Tarifabschluss der Stahlbranche ist der erste bedeutsame in diesem Jahr und war wegen seiner Signalwirkung mit Spannung erwartet worden. Nächste Woche werden in der Chemiebranche für 550.000 Beschäftigte die Verhandlungen starten, zudem im öffentlichen Dienst, wo es dann um 1,3 Millionen Beschäftigte geht.
Mit 5,2 Prozent mehr Lohn und 200 Euro Einmalzahlung bei einer Laufzeit von 13 Monaten hat die IG Metall für die rund 85.000 Stahlbeschäftigten den höchsten Abschluss seit 15 Jahren ausverhandelt. Gefordert hatte die Gewerkschaft acht Prozent. Die Verhandlungen wurden von Warnstreiks begleitet. Die Streikdrohungen hatten den Arbeitgeberverband Stahl (AGV) zu dem hohen Abschluss bewogen. Ein moderateres Ergebnis wäre wünschenswert gewesen, sagte AGV-Chef Helmut Koch. Ein Streik hätte aber "gravierende Auswirkungen" auf Abnehmerbranchen gehabt, verteidigte er die Höhe.
Zur Höhe der Kosten durch den Abschluss machten die Unternehmen am Mittwoch noch keine Angaben. Der Stahlexperte des Brokerhauses Steubing, Michael Broeker, bezifferte sie bei ThyssenKrupp auf jährlich 70 bis 75 Mio. Euro und bei Salzgitter auf 20 bis 25 Mio. Euro. Im Vergleich zu den stark gestiegenen Rohstoffkosten sei dies aber eine zu vernachlässigende Größenordnung. Der direkte Anteil der Löhne und Gehälter am Umsatz betrage in der Stahlindustrie neun Prozent, während er in der Metall- und Elektrobranche bei 16 Prozent liege.
Die Stahlbranche mit ihrer exzellenten Konjunktur gilt als Sonderfall und der Abschluss deshalb unter Volkswirten dort als verkraftbar. Andere Branchen werden dem Beispiel nicht in Gänze folgen, allerdings dürften die Gewerkschaften nun den Spielraum ausreizen: "Für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst dürfte der Abschluss eher bei vier denn bei drei Prozent liegen", hieß es bei der WestLB. "Der Tarifabschluss zeigt sehr deutlich die Marschrichtung für 2008 an", sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank.
Der Abschluss dürfte auch Furcht in der Europäischen Zentralbank (EZB) vor sogenannten Zweitrundeneffekten schüren und sie davon abhalten, bald ihren Leitzins von 4,0 Prozent zu senken. "Das ist genau das, was die EZB mit ihrer scharfen Rhetorik zu verhindern versucht hat. Mit der ohnehin zu hohen Inflation macht das Zinssenkungen in den nächsten Monaten unwahrscheinlicher", sagte Dario Perkins, Europa-Chefvolkswirt bei ABN Amro. Die EZB hält ihren Leitzins seit Juni trotz Rekordinflation in der Euro-Zone von 3,2 Prozent im Januar konstant.