Bis zu eineinhalb Millionen ehemalige NS-Zwangsarbeiter könnten nach Angaben des Vorsitzenden der Entschädigungsstiftung, Michael Jansen, in den nächsten vier Jahren Zahlungen aus Deutschland erhalten. Mit der von ihm als "grobe Schätzung" bezeichneten Zahl liegt Jansen deutlich über den bisherigen Annahmen von Opfer-Vertretern, die von rund 1,2 Millionen Leistungsberechtigte ausgingen. "Das ist aber eine Anzahl, die noch machbar ist", kommentierte Jansen seine höhere Schätzung im Gespräch mit der Financial Times Deutschland. Die von Bund und Wirtschaft hälftig finanzierte Stiftung hat nach seiner Ansicht nach mit 10,2 Mrd. DM genügend Mittel, um alle Opfer angemessen zu entschädigen. In den vergangenen Wochen hatten sich einige Opfer-Verbände besorgt über die hohe Anzahl von Anträgen auf Entschädigung gezeigt.
In den vergangenen Tagen hat die Stiftung weitere 78 Mio. DM an zwei der sieben Partnerorganisationen im Ausland überwiesen. Mit den Zahlungen nach Tschechien und in die Ukraine leitete die Stiftung nach Angaben Jansens seit Mitte Juni rund 300 Mio. DM an die Opfer-Verbänd. Diese sind vor Ort für die Feststellung und die Versorgung von Leistungsberechigten zuständig. Bis Mitte August sollen die Auslandsüberweisungen bei über 600 Mio. DM liegen.
Die Auszahlung aller Gelder könnte sich jedoch wegen einer Anzahl von Beschwerdeverfahren in die Länge ziehen. "Es wird in nicht unter vier Jahren gehen", sagte Jansen. "Es gibt Experten, die sagen, es könne länger dauern." Im vergangenen Jahr hatte Jansen noch gehofft, den Großteil der Stiftungsgelder bis 2002 auszahlen zu können.
Die Stiftung rechnet inzwischen damit, dass die Verzinsung des Stiftungskapitals von 10 Mrd. DM mehr als die bereits für die Auszahlungen vorgesehenen 200 Mio. DM erbringen wird. Jansen sagte, er rechne mit einem zusätzlichen "dreistelligen Millionenbetrag", über dessen Verwendung das Stiftungs-Kuratorium nach Auszahlung der 10,2 Mrd. DM entscheiden müsse. Es sei daher nicht auszuschließen, dass es mehr Mittel für die Opfer geben könnte. In den vergangenen Monaten hatte die Stiftung nach eigenen Angaben täglich 500.000 bis 700.000 DM an Zinsen eingenommen. Bis Juni waren es insgesamt 116 Mio. DM. In den nächsten Wochen will die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft ihren Anteil am Stiftungskapital mit einer Überweisung von knapp 600 Mio. DM voll erbringen.