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Merken   Drucken   19.10.2009, 15:56 Schriftgröße: AAA

Streit um Politikerimpfung: Gefährliches Spiel mit der Grippe  

Die Aufregung über die angebliche Sonderbehandlung von Politikern bei Impfungen gegen die Schweinegrippe ist völlig überzogen. Besonders ärgerlich: Die Debatte droht viele Bürger von der Impfung abzuhalten. Das wäre fatal. von Monika Dunkel, Berlin
Während der Impfstoff gegen die Schweinegrippe gerade in Dresden verladen wird und von dort in die Arztpraxen der Republik geschickt wird, tobt in Deutschland eine hysterische Debatte: Es geht darum, dass Regierungsmitglieder, Staatsbedienstete, Bundeswehrangehörige einen anderen Impfstoff bekommen sollen als das gemeine Impfvolk. Ein Impfstoff, der angeblich besser ist, weil er weniger unangenehme Nebenwirkungen hat.
Skandal!, schallt es durch Teile der Republik. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Aufregung allerdings als völlig überzogen. Zwar gibt es drei verschiedene Impfstoffe, doch alle gelten als sicher, verträglich - und sind in Deutschland zugelassen.
Dass die Bundeswehr ein Präparat bekommt, das keine Zusatz- und Konservierungsstoffe enthält, ist wohl reiner Zufall - und liegt schlicht daran, dass die zuständige Behörde vor einem Jahr einen Vertrag mit einem Anbieter geschlossen hat, der den Impfstoff Celvapan liefert. Bestellt war das von der Bundeswehr so nicht. Der Nachteil des Präparats besteht übrigens laut Gesundheitsministerium darin darin, dass er zwei Mal gespritzt werden muss und weniger gut auf Mutationen des Grippeerregers reagiert.
Eine zweite Welle droht im Winter
Viel schlimmer aber: Die aufgeregte Debatte um die Zwei-Klassen-Impfgesellschaft könnte die unerwünschte Nebenwirkung nach sich ziehen, dass viele Menschen auf die Impfung verzichten, weil sie Angst haben oder einfach unsicher sind, was sie tun sollen. Nicht wenige Kritiker vermitteln derzeit den Eindruck, dass die größte Massenimpfung in der Geschichte der Republik ohnehin nur eine Riesengeldspritze für die Pharmaindustrie sei - und im Grund überflüssig.
Doch das wäre fatal. Niemand kann die Entwicklung der neuen Grippe vorhersagen. Noch scheint die Bedrohung nicht so schlimm: Zwei Menschen sind in Deutschland an Schweinegrippe gestorben, 22.000 an ihr erkrankt. Doch viele Gesundheitsexperten fürchten, dass die zweite Welle im Winter schlimmer wird. Es ist nicht auszuschließen, dass sich der Erreger doch noch zu einem neuen Killervirus entwickelt.
Mag sein, dass die Pharmaindustrie viel Geld verdient. Doch am Ende ist das immer noch besser als Tausende Menschen, die im Ernstfall an der Schweinegrippe sterben, weil es zu wenig Impfstoff gibt oder sie einfach nicht zur Impfung gegangen sind. Ärzte und Politiker, die nun lauthals verkünden, dass sie sich nicht impfen lassen, handeln unverantwortlich.
  • FTD.de, 19.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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