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Merken   Drucken   18.09.2005, 22:18 Schriftgröße: AAA

Tapfer anlächeln gegen die Enttäuschung  

Das Eingeständnis der Niederlage kommt stumm daher. Als Franz Müntefering um kurz vor halb sieben drüben im Willy-Brandt-Haus vor jubelnde SPD-Anhänger tritt, dreht die Regie der CDU-Zentrale dem SPD-Vorsitzenden kurzerhand den Ton ab. von Timo Pache, Berlin
Journalisten und CDU-Parteianhänger verfolgen an einem Bildschirm ...   Journalisten und CDU-Parteianhänger verfolgen an einem Bildschirm die TV-Diskussionsrunde der Spitzenpolitiker
Die Deutungshoheit über Sieg oder Niederlage soll bei den eigenen Leuten liegen, auch wenn die sich noch gar nicht blicken lassen. Und so kommen im Konrad-Adenauer-Haus von den ungeliebten Sozen nur Bilder an, Bilder von einem vor Selbstbewusstsein und Siegesgewissheit strotzenden SPD-Chef.
Als gebe es zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu deuteln. Es geht eher um ein Ringen und Suchen, die Suche nach den richtigen Worten zum Beispiel. Mit einigermaßen leblosem Gesicht tritt als Erster aus dem Merkel-Lager Dieter Althaus vor die Kameras. Der thüringische Ministerpräsident findet nur wenige Worte für die gut 35 Prozent, die seine Kanzlerkandidatin für die Union geholt hat. "Enttäuschend" sei das Ergebnis, "enttäuschend und ernüchternd", sagt Althaus.
Das ist freilich noch eine Untertreibung. Aber wer will es der versammelten Unionsspitze verdenken, dass sie an diesem Abend den Schaden begrenzen will, zumindest im eigenen Haus. Die Partei war wirklich auf Feiern eingestellt. Eine ganze Zeltstadt haben sie um das Ei des Konrad-Adenauer-Hauses gebaut, mehrere Hundert Meter lang und immer noch viel zu klein für die 4000 bis 5000 Gäste.
Hier harren sie aus, die Merkel-Treuen, und wollen auf den Sieg anstoßen. Die Luft ist zum Schneiden dick, und es gibt noch immer viele, die nicht von den Wählerbefragungen des Tages gehört haben. Vor nicht einmal acht Wochen lagen CDU und CSU noch bei 42 bis 44 Prozent. Noch am Mittwoch hatten die Demoskopen 41 bis 42 Prozent vorhergesagt. Das muss doch reichen, steht in den meisten Gesichtern.
"34 Prozent SPD", sagt ARD-Moderator Jörg Schönenborn um punkt 18 Uhr. "Jawoll" rufen 1000 Münder in einem Chor, um gleich darauf zu ersterben. "35,5 Prozent für die Union", lautet die zweite Ansage aus den Boxen - "Uuuuuhhhh", macht der Chor und verstummt. Aus, vorbei, das war's mit der schwarz-gelben Regierungsübernahme. Die über zehn Prozent für die FDP können daran nichts mehr ändern.
"Was für ein Absturz", sagt ein resignierter CDU-Anhänger. Und Benno Garschina, der extra für diesen Abend aus Ahrweiler angereist ist, sagt resigniert: "Mit Christian Wulff wäre das nicht passiert." Wo es schon nicht reicht für ein Bündnis mit der FDP, weiß der Mann aus Ahrweiler jetzt zu berichten: "Nun wollen wir das mal nicht verteufeln mit der großen Koalition." Immerhin könnten Union und SPD große Reformen angehen, etwa die des Föderalismus in Deutschland.
Franz Müntefering hat kaum geendet, da betritt Angela Merkel die Bühne im Konrad-Adenauer Haus. Tapfer lächelt sie, über deren Lächeln in den vergangenen Wochen so viel geschrieben worden ist. Sie will jetzt die Deutungshoheit an sich ziehen, hat die Ministerpräsidenten schon zur Schaltkonferenz bestellt, hat die Linien abgesteckt, für sie geht es jetzt um das politische Überleben.
"Ganz freimütig" sage sie, dass sie sich ein anderes Wahlergebnis gewünscht habe, räumt sie ein. "Dennoch werden wir und werde ich diesen Regierungsauftrag mit aller Kraft annehmen", stellt sie für alle klar. Es ist eine Botschaft, weniger an die Wähler an diesem Tag, sondern mehr an die eigene Partei. Sie gibt noch nicht auf, soll das heißen, sie will kämpfen. "Angie, Angie, Angie" skandieren ihre Fans gegen die Niederlage an. Nur einer sagt mitten in den Chor und dennoch nicht zu überhören: "Nix Angie, aus ist's."
  • Aus der FTD vom 19.09.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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