FTD.de » Politik » Deutschland » "Toiletten sind nicht sexy"

Merken   Drucken   07.03.2006, 16:27 Schriftgröße: AAA

"Toiletten sind nicht sexy"  

Ein Mensch geht durchschnittlich sechsmal pro Tag auf die Toilette. In der politischen Diskussion spielt das Örtchen keine Rolle. Das will die German Toilet Organisation ändern, die sich erstmals in die deutsche Öffentlichkeit wagt. von Kai Beller, Berlin
Ausstellung am Potsdamer Platz: Lebensgroße Figuren verrichten nur ...   Ausstellung am Potsdamer Platz: Lebensgroße Figuren verrichten nur schlecht versteckt ihre Notdurft
"Toiletten sind nicht sexy", sagt der Vorsitzende der German Toilet Organisation, Thilo Panzerbieter. Ihm und seinen Mitstreitern ist bewusst, dass viele Menschen seinen Verein zunächst für einen Witz halten. Die German Toilet Organisation ist Teil der weltweit tätigen World Toilet Organisation, kurz WTO - nicht zu verwechseln mit der wesentlich einflussreicheren Welthandelsorganisation, die sich ihre drei Buchstaben nicht hat schützen lassen. Panzerbieter und WTO-Gründer Jack Sim haben nichts dagegen, dass über sie gelächelt wird. Sie erhoffen sich davon einen unverkrampften Zugang zum Thema Toiletten und Notdurft. Denn damit ist es ihnen bitterernst. Sie betrachten den Gang aufs Klo als Teil eines menschenwürdigen Daseins. Mit einer Ausstellung am Potsdamer Platz in Berlin wollen sie daher auf die weltweite Problematik aufmerksam machen. Zu sehen gibt es 35 lebensgroße Figuren, die sich beim Versuch, ihr Geschäft zu verrichten, hinter Taschen, Regenschirmen und Abfalleimern Schutz suchen. Der Rückzug auf ein sauberes, stilles Örtchen ist für viele Menschen unerreichbarer Luxus. In Indien, sagt die Bundestagsabgeordnete Uschi Eid (Grüne), verrichteten Menschen jeden Morgen in Ermangelung von Alternativen entlang von Bahnstrecken ihre Notdurft. Nach WTO-Angaben müssen etwa 2,6 Milliarden Menschen - das sind 42 Prozent der Weltbevölkerung - ohne "angemessene" sanitäre Einrichtungen auskommen. Gewaltige Anstrengungen sind notwendig, um das Entwicklungsziel der Vereinten Nationen zu erreichen, bis 2015 den Anteil der Menschen ohne Toilette zu halbieren. Panzerbieter rechnet vor, dass dazu 500.000 Toiletten täglich gebaut werden müssten. Bei Entwicklungshilfeprojekten habe aber häufig die Wasserversorgung Vorrang vor dem Abwassermanagement. "Welcher Minister lässt sich schon gerne neben einer Toilette ablichten", sagt Eid. Frauen brauchen mehr Platz Aber auch hier zu Lande liegt vieles im Argen. Für Panzerbieter sind fehlende, schlecht entworfene oder mangelhaft betriebene öffentliche Toiletten eher die Regel als die Ausnahme. Stinkende, schlecht beleuchtete Örtchen seien nicht gerade ein Aushängeschild für den Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft. Er beantwortet auch die Frage, warum Frauen längere Wartezeiten vor dem Klo in Kauf nehmen müssen. Der Grund ist einfach: Die sanitären Grundflächen für beide Geschlechter werden bei der Planung eines Gebäudes gleich groß angelegt, obwohl bekannt ist, dass Toilettenkabinen für Frauen mehr Platz benötigen als Urinale bei Männern. Panzerbieter schwebt die Vision der Toilette als Service-Zentrum vor. "Vorbildliche Toiletten fördern Hygiene, Gesundheit, Wohlempfinden und Tourismus." Der Bauingenieur weiß, wovon er spricht. Als Berater arbeitet er an Entwicklungshilfeprojekten mit. Ungenutztes Potenzial Panzerbieter sieht auch die wirtschaftlichen Aspekte sauberer Toiletten und vernünftiger Abwassersysteme. Unternehmen orientierten sich bei Investitionsentscheidungen auch am sanitären Standard des jeweiligen Standorts. Außerdem eigne sich der menschliche Urin als Nährstoff für Düngemittel. Momentan werde dieses Potenzial aber nicht genutzt. Im Gegenteil: Der Urin wird in konventionellen Toilettensystemen gemeinsam mit dem Abwasser und den Fäkalien einfach weggespült. In modernen Abwassersystemen lassen sich die menschlichen Ausscheidungen als Rohstoffe für die Bewässerung, als Düngemittel und zur Energiegewinnung nutzen. Weitere Informationen gibt es unter
  • FTD.de, 07.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
Kommentar schreiben Pflichtfelder*





Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote