Ausstellung am Potsdamer Platz: Lebensgroße Figuren verrichten nur schlecht versteckt ihre Notdurft
"Toiletten sind nicht sexy", sagt der Vorsitzende der German Toilet Organisation, Thilo Panzerbieter. Ihm und seinen Mitstreitern ist bewusst, dass viele Menschen seinen Verein zunächst für einen Witz halten. Die German Toilet Organisation ist Teil der weltweit tätigen World Toilet Organisation, kurz WTO - nicht zu verwechseln mit der wesentlich einflussreicheren Welthandelsorganisation, die sich ihre drei Buchstaben nicht hat schützen lassen.
Panzerbieter und WTO-Gründer Jack Sim haben nichts dagegen, dass über sie gelächelt wird. Sie erhoffen sich davon einen unverkrampften Zugang zum Thema Toiletten und Notdurft. Denn damit ist es ihnen bitterernst. Sie betrachten den Gang aufs Klo als Teil eines menschenwürdigen Daseins. Mit einer Ausstellung am Potsdamer Platz in Berlin wollen sie daher auf die weltweite Problematik aufmerksam machen. Zu sehen gibt es 35 lebensgroße Figuren, die sich beim Versuch, ihr Geschäft zu verrichten, hinter Taschen, Regenschirmen und Abfalleimern Schutz suchen.
Der Rückzug auf ein sauberes, stilles Örtchen ist für viele Menschen unerreichbarer Luxus. In Indien, sagt die Bundestagsabgeordnete Uschi Eid (Grüne), verrichteten Menschen jeden Morgen in Ermangelung von Alternativen entlang von Bahnstrecken ihre Notdurft. Nach WTO-Angaben müssen etwa 2,6 Milliarden Menschen - das sind 42 Prozent der Weltbevölkerung - ohne "angemessene" sanitäre Einrichtungen auskommen.
Gewaltige Anstrengungen sind notwendig, um das Entwicklungsziel der Vereinten Nationen zu erreichen, bis 2015 den Anteil der Menschen ohne Toilette zu halbieren. Panzerbieter rechnet vor, dass dazu 500.000 Toiletten täglich gebaut werden müssten. Bei Entwicklungshilfeprojekten habe aber häufig die Wasserversorgung Vorrang vor dem Abwassermanagement. "Welcher Minister lässt sich schon gerne neben einer Toilette ablichten", sagt Eid.
Frauen brauchen mehr Platz
Aber auch hier zu Lande liegt vieles im Argen. Für Panzerbieter sind fehlende, schlecht entworfene oder mangelhaft betriebene öffentliche Toiletten eher die Regel als die Ausnahme. Stinkende, schlecht beleuchtete Örtchen seien nicht gerade ein Aushängeschild für den Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft.
Er beantwortet auch die Frage, warum Frauen längere Wartezeiten vor dem Klo in Kauf nehmen müssen. Der Grund ist einfach: Die sanitären Grundflächen für beide Geschlechter werden bei der Planung eines Gebäudes gleich groß angelegt, obwohl bekannt ist, dass Toilettenkabinen für Frauen mehr Platz benötigen als Urinale bei Männern.
Panzerbieter schwebt die Vision der Toilette als Service-Zentrum vor. "Vorbildliche Toiletten fördern Hygiene, Gesundheit, Wohlempfinden und Tourismus." Der Bauingenieur weiß, wovon er spricht. Als Berater arbeitet er an Entwicklungshilfeprojekten mit.
Ungenutztes Potenzial
Panzerbieter sieht auch die wirtschaftlichen Aspekte sauberer Toiletten und vernünftiger Abwassersysteme. Unternehmen orientierten sich bei Investitionsentscheidungen auch am sanitären Standard des jeweiligen Standorts.
Außerdem eigne sich der menschliche Urin als Nährstoff für Düngemittel. Momentan werde dieses Potenzial aber nicht genutzt. Im Gegenteil: Der Urin wird in konventionellen Toilettensystemen gemeinsam mit dem Abwasser und den Fäkalien einfach weggespült. In modernen Abwassersystemen lassen sich die menschlichen Ausscheidungen als Rohstoffe für die Bewässerung, als Düngemittel und zur Energiegewinnung nutzen.
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