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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   14.09.2012, 06:00 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Daniel Gros - Schulden sind ein gefährlicher Weg zur Krisenbekämpfung

Kommentar Nach einer Finanzkrise braucht jede Wirtschaft Zeit, um Produktion und Beschäftigung zurück auf das Vorkrisenniveau zu bringen. Wie unterschiedlich man diese Krisen bekämpfen kann, zeigen die USA und Europa. Die Amerikaner mussten ihr Haushaltsdefizit überproportional erhöhen, um mit den Europäern Schritt halten zu können.
von Daniel Gros

Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.


Die Einschätzung, diese Nachkrisenzeit sei anders als die vorherigen, hat dazu geführt, dass die Politiker den Kreditboom Anfang des zweiten Jahrtausends nicht aufgehalten haben. So haben sie den Boden für die größte Finanzkrise der bekannten Geschichte bereitet. Denn diese Einschätzung war falsch.

Jetzt, wo die Erholung ansteht, ist der Glaube, dieses Mal sei es nicht anders, ebenso gefährlich.

Viele Politiker und Wirtschaftswissenschaftler haben beobachtet, dass sich die Wirtschaften nach der Finanzkrise 2007-2008 viel langsamer erholt haben als die meisten anderen nach dem Krieg. Oft benötigten sie nur wenig mehr als ein Jahr, um Produktion und Beschäftigung wieder auf das Vorkrisenniveau zu bringen. Aktuell liegen diese Werte noch immer weit unter dem vorherigen Höchstwert. Nach mittlerweile vier Jahren ist die momentane Erholung tatsächlich sehr langsam. Politiker nutzen das als Begründung für alle möglichen makroökonomischen Maßnahmen, die denen der Vergangenheit entsprechen.

Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Thinktanks Ceps   Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Thinktanks Ceps

Dabei blenden sie aus, dass die jetzige Krise nur deshalb entstehen konnte, weil ein noch nie da gewesener Kreditboom geplatzt war. In gewisser Weise wäre es entsprechend logisch gewesen, auch einen nie dagewesenen Aufschwung zu erwarten. Beim Ausbrechen der Krise hofften deshalb viele auf eine V-förmige Erholung. Forschungen hatten aber ergeben, dass Erholungen nach Finanzkrisen meist schwächer und langsamer verliefen, als solche nach "normalen" Rezessionen.

Diese Beobachtungen könnten bedeuten, dass übliche makroökonomische Maßnahmen nicht so funktionieren wie erwartet. Und dies lässt sich durch einen transatlantischen Vergleich bestätigen.

Man würde erwarten, dass der Schock der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten und der Eurozone vergleichbar war; sie sind ähnlich groß, weisen intern eine ähnliche Struktur auf sowie (im Durchschnitt) ähnliche Steigerungsraten bei den Häuserpreisen in den Jahren vor dem Platzen der Blase. Darüber hinaus war in beiden Finanzsystemen die relative Steigerung der Kreditvergabe (und damit des Risikos) ähnlich hoch.

Und tatsächlich war die wirtschaftliche Entwicklung in den USA seit dem Ausbruch der Krise ähnlich wie in der Eurozone: Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist auf beiden Seiten des Atlantik immer noch 2 Prozent niedriger als 2007. Auch die Arbeitslosenquote ist in den USA und der Eurozone um etwa denselben Betrag gestiegen - 3 Prozentpunkte.

Natürlich kann man bestimmte europäische Länder konkret benennen, die sich in einer Rezession befinden. Aber auch in den USA gibt es Gegenden, in denen Depression herrscht. So kann man Irland und Spanien mit Nevada und Kalifornien vergleichen (und Griechenland mit Puerto Rico). Gegenüberstellen kann man daher nur die Durchschnittswerte der Volkswirtschaften beider Kontinente, die erhebliche und ähnliche interne Diversitäten aufweisen.

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Angesichts dessen, dass die makroökonomischen Maßnahmen in den USA und der Eurozone so unterschiedlich waren, sind die Ähnlichkeiten in der wirtschaftlichen Entwicklung überraschend. Die USA haben ihr Haushaltsdefizit auf mehr als 10 Prozent des BIP ansteigen lassen, verglichen mit weniger als 6 Prozent in der Eurozone. In den letzten fünf Jahren (2007-2012) haben sich die USA demzufolge nicht besser entwickelt als die Eurozone, obwohl sie viel höhere Haushaltsausgaben in Kauf nehmen mussten. In den USA (und in Großbritannien) beträgt das allgemeine Budgetdefizit momentan immer noch etwa 8 Prozent des BIP, verglichen mit nur gut 3 Prozent in der Eurozone. Das Verhältnis von Schulden zum BIP hat in den USA um über 41 Prozentpunkte zugenommen, verglichen mit "nur" 25 Punkten in der Eurozone.

Schuldenfinanzierte Haushaltspolitik setzt die Zukunft aufs Spiel

Tatsächlich hat sich Großbritannien als Volkswirtschaft mit der stärksten Expansionspolitik am wenigsten erholt: Das Pro-Kopf-BIP liegt heute immer noch 6 Prozent unter dem Wert von 2007. Natürlich könnte man argumentieren, dass Großbritannien für das Platzen der Blase am empfindlichsten war, weil dort Finanzdienstleistungen eine große Rolle spielen. Aber die Tatsache bleibt, dass sich die angeblich flexibelste Wirtschaft Europas trotz massiver Geld- und Haushaltsstimuli sowie erheblicher Abwertungen fünf Jahre nach dem Schock noch nicht wieder erholt hat.

Insgesamt scheint es so, dass die Situationen nach der Krise heute tatsächlich anders sind, und dass makroökonomische Maßnahmen wenig zur Verbesserung beigetragen haben. Länder wie die USA und Großbritannien, die im Rekordtempo Schulden anhäufen, setzen zur Stärkung der Wirtschaft auf schuldenfinanzierte Ausgaben. Sie riskieren, in Zukunft mit Schulden von mehr als 100 Prozent des BIP da zu stehen. Das würde sie im Falle einer Stimmungsänderung der Gnade der Finanzmärkte aussetzen.

Der geschichtliche Vergleich lässt vermuten, dass die Zinssätze nicht ewig auf Rekordtief bleiben werden. Und wenn sich das Blatt wendet, könnte das sehr schnell gehen.

Warum sollte es diesmal anders sein?

  • Aus der FTD vom 14.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 08.10.2012 14:12:48 Uhr   Karl Schlonz: Unsinn

    Der Autor uebersieht, dass Obama eine wachstumsfeindliche Politik betreibt (Verteilen von Wohltaten auf Pump; kleinkram wie Obamaphones an die Massen, Milliarden (via DoE Loans) an seine Bundler); und UK immer noch unter der Blair/Brown-Blase leidet (Verdopplung der Staatsbediensteten). Cameron haette die Haelfte der Pappnasen sofort rausschmeissen sollen, aber er ist ein Weichei und zusaetzlich durch den EU-bedingten Verlust der Souveraenitaet des UK gekknebelt (gezwungen, die idiotische Kyoto-Energiepolitik mitzumachen - im Gegensatz zu Deutschland mit seinen ueberschuessigen Carbon Credits wird es in UK zu Zwangsstilllegungen von Kohlekraftwerken kommen muessen, damit die 20:20:20 ziele erreicht werden koennen).

    Mit anderen Worten: Die fehlende Erholung basiert auf voellig idiotischen Politiken diesseits und jenseits des Atlantik (deshalb hat Obama ja auch einen Friedensnobelpreis von den Europaeern bekommen - er ist der Bilderberger-Kandidat , und die Bilderberger sind Europaeer.)

    Mit dieser Polit-Elite werden wir noch einige Jahrzehnte Stagnation/Zusammenbruch bekommen.

  • 01.10.2012 14:06:55 Uhr   Grinsel: Zinsen als Katalysator
  • 21.09.2012 05:05:28 Uhr   zaphod: Zinsen und Geschichte
  • 18.09.2012 13:49:16 Uhr   AmEnde: Das Ende
  • 14.09.2012 09:15:13 Uhr   glompf: Guter Artikel
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