Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten wird in diesem Jahr kaum noch jemanden interessieren. Christian Wulff hat ihr selbst die Spannung genommen - durch seine Vorweihnachtsansprache. Endlich hat der Bundespräsident nicht mehr nur seine Anwälte oder das Präsidialamt sprechen lassen, sondern selbst Worte gefunden für die Sperenzchen, die er in seiner Zeit als Ministerpräsident veranstaltet hat.
Eine Entschuldigung war das, was man wenigstens erwarten durfte. Schließlich hat Wulff erst das niedersächsische Parlament gelinkt und in den letzten zehn Tagen der Öffentlichkeit ein moralisch angreifbares Selbstbildnis vermittelt. Da war ein Bußgang nötig. Wulff bedauerte. Wulff beteuerte. Wulff bat um Vertrauen. Konnte man noch mehr verlangen? Hätte er sich auch noch in den Staub werfen sollen?
Trotzdem bleibt die Frage: War's das? Nach all den menschelnden Details, die inzwischen über den höchsten Mann im Staate im Umlauf sind, liegt die Vermutung nahe, dass noch Episoden ausstehen. Selbst seine Vorweihnachtsansprache wurde begleitet von neuen Enthüllungen. Das Darlehen, das ihm sein Freund Egon Geerkens bei der BW-Bank vermittelte, war ein Kredit mit Sonderkonditionen, wie sie normalerweise nur Kunden mit Großvermögen erhalten. Zu dieser Spezies gehört Wulff ganz gewiss nicht.
Hier liegt - über Weihnachten hinaus - auch Wulffs grundlegendes Problem. Die Privatkreditaffäre, das Upgrade beim Urlaubsflug, die Ferien in Domizilen reicher Unternehmerfreunde haben ihm das Image eines schnöden Schnäppchenjägers verpasst. Wulff erscheint als Geiz-ist-geil-Präsident. Das raubt ihm seine Würde mehr und mehr, mit jedem kleineren oder größeren Vorwurf, den er nicht ausräumen kann.
Wulff hat sich in eine Lage manövriert, aus der er - trotz Entschuldigung - nur noch schwer herauskommt. Wäre er gleich mit der vollen Wahrheit herausgerückt, als die Affäre ruchbar wurde, hätte er seine Vorweihnachtsansprache schon letzte Woche gehalten - vieles wäre ihm erspart geblieben. So aber hat er sich beschädigt und das Amt. Das Fatale ist: Selbst ein Rücktritt würde das Amt noch weiter beschädigen und zu einem neuen Streitfall der Parteienpolitik machen. Seit Roman Herzogs Abgang hat Deutschland mit seinen Präsidenten nicht mehr wirklich Glück.
Johannes Rau war ein starker Praesident, ich erinnere nur an seine herausragende Berliner Rede zur Globalisierung und an sein 'Handling' des Amoklaufes von Erfurt. Insofern hat der Autor mit seiner 'nach Roman Herzog' (den ich persoenlich eher schwaecher fand, aber Weizaecker-Nachfolger ist natuerlich auch ein langer Schatten) schlicht unrecht. Es ist auch den Medien anzulasten, dass man im Zuge der sog. Flugaffaere Raus nicht genauer geklaert hat, wo Bagatell-Grenzen fuer Politiker laufen, und was einfach sinnvoll und angemessen ist. Z. B. die Sicht, dass ein Bundespraesident immer im Dienst ist und daher nicht zwischen (eigenen, wohlgemerkt) privaten und beruflichen Fluegen trennen muss oder soll.
Eine andere Frage ist, warum Angela Merkel offenbar unfaehig ist, einen geeigneten Praesidenten-Kandidaten aufzustellen. Das muesste man vielleicht im Groesseren Zusammenhang ihrer Personalpolitik analysieren. Da war KarlHeinz Jung, aber auch Thomas De Maiziere. Also nicht prinzipiell schlecht oder gut, aber offenbar zu sehr bereit, kurzfristige taktische Erwaegungen ueber langfristige Performance zu stellen (ist ja auch in Grossunternehmen ein Problem).