Neulich im Fernsehen saß Ursula von der Leyen neben Markus Lanz, und es war wirklich ein Traum. So ein zartes, dennoch energisches Persönchen, kann lachen, bis die Tränen kommen, ist ehrgeizig, aber nie verbissen, charmant, aber nie schleimig - ein toller Charakter für jeden bürgerlichen CDU-Wähler. Sie reitet gern. Sie hat ein hervorragendes Abitur. In ihrem Beruf hat sie gelernt, wie man kranke Menschen wieder gesund macht. Wenn Wendy, das Mädchen aus den Pferde-Comics, jemals erwachsen werden könnte, sie würde so sein wie Ursula von der Leyen, die Arbeitsministerin von der CDU. Eine sympathische Gewinnerin - so sah es aus.
Müde gelächelt haben wohl nur diejenigen, die auch von der Leyens andere Seiten kennen. Zum Beispiel der Chef der Unionsfraktion, Volker Kauder (CDU). Er regte sich im vergangenen Sommer fürchterlich über sie auf. Damals lief im Bundestag eine Debatte darüber, ob Gentests an Embryonen erlaubt werden sollen oder nicht. Ein schwieriges Thema, in dem die Abgeordneten aller Parteien in ihren Reden behutsam Vor- und Nachteile abwägten. Von der Leyen aber erinnerte sich so ausführlich an ihre Berufserfahrung als "junge Ärztin", dass Kauder das als Herabwürdigung der übrigen Parlamentarier empfand. Da schien sie durch, die Besserwisserin. Ein Zug, den sie sonst gern vermeidet, wenn sie in der Öffentlichkeit steht.
Die 53-jährige von der Leyen beherrscht das Spiel mit den Medien wie kaum jemand im Kabinett Angela Merkels. Unvergessen ist ihr Auftritt in "Wetten dass ...?", als Thomas Gottschalk sie in einer blauen Mülltonne durchs Studio schob. Anschließend trug Frauenschwarm Hugh Jackman sie auf die Wettcouch - vor Begeisterung rutschte sie fast auf den Boden. Solch menschliche Seiten aus der kalten Welt der Politik kommen bei Wählern gut an.
Mit der Einlage bei Lanz versuchte von der Leyen, an frühere Popularität anzuknüpfen. Denn seit einiger Zeit kommt sie mit ihrer forschen Art nicht mehr weiter. Die Gewinnerin muss das Verlieren lernen, selten war das so deutlich wie in diesen Tagen. Als von der Leyen in der vergangenen Woche wieder einmal vorpreschte und ohne Absprache mit der FPD einen Gesetzesentwurf zu ihren Rentenplänen vorstellte, rammte FDP-Chef Philipp Rösler ihr wie ein fieser Schulkamerad einen Stock durch die Speichen, und das Wendy-Mädchen machte einen Satz über den Lenker. Über die Beitragssätze für die Rente wird nun gesondert abgestimmt, die Zuschussrente und von der Leyens andere Ideen müssen warten. Genauso, wie es die FDP sich wünschte.
Rösler ist bei Weitem nicht der Einzige, der mit von der Leyen eine Rechnung offen hat. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" widersetzten sich in der Ressortabstimmung die Fachleute aus acht Ministerien von insgesamt 13 ihren Rentenplänen. Ein schützendes Wort ist nicht zu hören, im Gegenteil legte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) am Donnerstag noch einmal nach: "Die Zuschussrente finde ich nicht gut und halte sie für derzeit nicht tolerabel", sagte er der "Stuttgarter Zeitung".
So viel Widerstand aus der eigenen Koalition ist neu, doch es holpert schon länger: Ohne Absprache mit Merkel schlug von der Leyen Ende 2010 eine gesetzliche Frauenquote vor - die Chancen dafür liegen heute bei fast null. Sie fordert einen allgemeinen Mindestlohn - hier legt sich die FDP quer. Auch die Deutschen mögen sie nicht mehr so wie früher. Auf der Liste der beliebtesten Politiker kreucht sie nur drei Plätze vor dem Zehnten und Letzten: Rösler.
Als Familienministerin stellte sie das konservative Weltbild auf den Kopf, in dem sie das Elterngeld einführte und mehr Kita-Plätze schuf, medial stets perfekt inszeniert. Ihre Auftritte zeugen von einer selbstverständlichen Überlegenheit, die Widerspruch nur ungern zulässt. "Damit hat sie viele Wunden hinterlassen", sagt jemand, der sie kennt. Die Zuschussrente hat sie nun zum Prestigevorhaben erklärt. Verwunderlich nur, wie wachsweich sie sich ausdrückt: "Bis Ende Oktober müssen die positiven Entscheidungen zur Zuschussrente getroffen sein." Damit kann alles und nichts gemeint sein.