Was den Amerikanern die Präsidentenwahl war, das ist den Grünen die Urwahl. Am Samstagvormittag soll bekannt gegeben werden, welche beiden Spitzenkandidaten aus den 15 Bewerbern die Partei durch den Wahlkampf führen sollen. Erst sollen es die Gewinner erfahren, kurz darauf die Öffentlichkeit. Und es ist wie in den USA - das große Zittern vor dem Ergebnis.
Denn sicher ist nur eines: dass sich mit 61,6 Prozent sehr viele der 59.500 Parteimitglieder an der Briefurwahl beteiligt haben - weit mehr als bei der ersten Urwahl 2003 zur Trennung von Amt und Mandat. Aber wen haben sie gewählt? Welche Spitzenpolitiker sind dabei - und vor allem: Ist Fraktionschef Jürgen Trittin darunter?
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| Verfahren Über die Urwahl wurde parteiintern lange gestritten. Im Sommer beschlossen Parteivorstand und Länderrat, sie durchzuführen. Bis Mitte September konnten die Grünen-Mitglieder ihre Kandidatur für den Wahlkampf anmelden. Bis 30. Oktober mussten die 59.500 Mitglieder per Briefwahl zwischen den 15 Bewerbern bis zu zwei auswählen. Rund 31.000 Briefe trudelten danach in der Parteizentrale ein - eine Quote von 62 Prozent. |
| Briefwahl 50 Helfer haben die Grünen für die Urwahl gesucht. Sie kontrollieren die eidesstattlichen Versicherungen, die den Briefen mit der Stimme beiliegen, und sortieren sie aus. Anschließend zählen und prüfen sie die abgegebenen Stimmen mehrfach. |
Zur Wahl standen zwölf Männer und drei Frauen, die wochenlang in Stadt und Land dem interessierten Grünen-Publikum Fragen beantworteten. Einer war der Politprofi Trittin. Die anderen elf Männer waren eine bunte Mischung aus Jung und Alt, die nur eines einte - kaum Erfahrung mit dem realen Politikbetrieb. Die drei Frauen waren Parteichefin Claudia Roth, Fraktionschefin Renate Künast und die Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt. Mindestens eine Frau muss sein, zwei sind möglich. Ein Mann muss nicht sein. Da fangen die Fragen an.
Unvorstellbar ist für die meisten Grünen-Politiker in Berlin, dass Trittin nicht gewählt wird. Trittin gilt seit Monaten als gesetzt, er ist prädestiniert für diese Aufgabe. Doch die Hoffnung könnte zerplatzen - durch Zufall. "Die vielen männlichen Konkurrenten könnten Stimmen auf sich ziehen, die Trittin fehlen", heißt es. Oder manche Wähler könnten denken, dass Trittin ohnehin gewinnen wird, und verteilen deswegen ihre Stimmen womöglich an zwei Frauen. Oder andere Wähler geben nur eine Stimme zur Stärkung einer bestimmten Kandidatin ab. All das könnte zu zwei Frauen an der Spitze führen.
Alle Varianten werden intern durchdekliniert - denn alles ist möglich. Dass die Mitglieder der Grünen nicht immer das machen, was die Funktionäre glauben, zeigte die erste Urwahl von 2003. Damals ging es um die Trennung von Amt und Mandat, ein Urprinzip der Grünen. Immer wieder gab es vor der Wahl Versuche, die Trennung aufzuheben - ohne Erfolg. Also rechnete die Parteiführung damit, dass die Basis einer Lockerung des Prinzips nicht zustimmen würde - und wurde überrascht: Zwei Drittel stimmten dafür.
Wie der neue Basistest ausgeht, will deswegen niemand prognostizieren. Sollte Trittin nicht gewählt werden, wäre das aber "eine Katastrophe". Die bisherige Euphorie über das nette Demokratie-Experiment wäre sehr schnell verpufft. "Wie die Urwahl bewertet wird, hängt auch vom Ergebnis ab", sagen Spitzenfunktionäre. Einen Plan, wie man mit einem Ergebnis umgehen will, bei dem Trittin fehlt, gibt es offiziell nicht.
Auch bei anderen Varianten verziehen manche das Gesicht. Trittin und Roth, also zwei aus dem linken Lager, "da würde ein großes Spektrum der Partei im Wahlkampf nicht repräsentiert", sagt ein Vertreter des Realo-Flügels. Wichtig bei Roth wird auch in jedem Fall sein, wie viele Stimmen sie bekommt - die Grünen-Chefin will eine Woche später auf dem Parteitag in Berlin wiedergewählt werden. Vorsorglich hat sie bereits wissen lassen, dass sie auf jeden Fall antreten will.
Seit ein paar Tagen werden in Berlin die Stimmen gezählt und geprüft, niemand soll sagen können, dass manipuliert wurde. Und bei aller Liebe zu Experimenten: Die nächste Urwahl dieser Art, sagen Grüne, soll anders laufen. Für eine Kandidatur könnten Mindestkriterien bestimmt werden, wie eine Unterstützung von Kreisverbänden. Einmal Zittern reicht.