Die Behauptung, jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland sei an die Automobilindustrie geknüpft, beruht nach Recherchen des Magazins Capital auf einem simplen Rechentrick des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Der VDA geht davon aus, dass ohne Autoindustrie in Deutschland niemand mehr Auto fahren würde - weder deutsche Wagen noch ausländische. Damit würden alle Jobs wegfallen, die irgendwie durch das Auto bedingt sind - vom Straßenbauarbeiter bis zum Parkhauspförtner. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) hängt dagegen nur rund jeder 20. Arbeitsplatz von der Autonachfrage ab.
Die Formel der hohen Abhängigkeit ist derzeit beliebt: Ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier - jeder Spitzenpolitiker beschwört sie. Sie wollen den Sektor beleben, Opel retten und Wählerstimmen gewinnen. Dabei wird geflissentlich ignoriert, wie die Zahlen über die Bedeutung für den Arbeitsmarkt zustande kommen.
Die Rechnung ist zudem uralt. Die Methodik, die der VDA nutzt, stammt aus dem Jahr 1980. In dem damals erschienenen Buch "Die Automobilindustrie in Deutschland" rechnet Autor Achim Diekmann die Bedeutung vor: Danach waren nur 1,349 Millionen Beschäftigte von der Automobilproduktion abhängig. Das war damals jeder 21. Arbeitsplatz. Und von der ganzen Branche, inklusive Vertrieb, Investitionen und der "in den Vorleistungsbereichen induzierten Investitionen", waren es 1,85 Millionen - seinerzeit jeder 15. Job.
Der VDA verschweigt dies aber und arbeitet lediglich mit einer anderen Übersicht, die die allgemeine Abhängigkeit von Auto und Nutzfahrzeug darstellt - und aktualisiert die Beschäftigtenzahlen alle paar Jahre.
Unbestritten ist, dass rund 750.000 Menschen direkt in der Automobilindustrie beschäftigt sind. Bei dieser Zahl sind sich VDA, Statistisches Bundesamt und die Bundesagentur für Arbeit einig. Darin sind bereits die Nutzfahrzeuge und die Zulieferer inbegriffen. Zudem gibt es Effekte, die über die Zulieferer hinausgehen. Nahezu jeder Wirtschaftszweig ist an der Herstellung beteiligt: So landet ein Teil aus der chemischen Industrie beim Autolack, und die Forstwirtschaft liefert Holz, das Zulieferer später für Armaturen verwenden.
Der Verband überträgt dabei die Umsatzverflechtungen anderer Branchen mit der Autoindustrie auf die Beschäftigtenzahlen. Das sind zwar nur Schätzungen, aber diese Beschäftigten hängen tatsächlich von der deutschen Automobilproduktion ab. Im Gegensatz zu Parkhauspförtnern, denen egal sein dürfte, ob bei ihnen ein deutsches oder ein importiertes Auto einfährt.
Das RWI hat 2000 errechnet, dass ein Beschäftigter 1,4 Arbeitsplätze zusätzlich schafft. "Das ergibt insgesamt 1,76 Millionen Beschäftigte, die von der Nachfrage nach Autos abhängen", sagt Michael Rothgang vom RWI. Nach dieser weiterhin gültigen Rechnung sei jeder 20. Arbeitsplatz autoabhängig.
Der Politik kann es recht sein, dass die Zahlen so selten hinterfragt werden. Das Auto eigne sich besonders gut zur Rettung Deutschlands, sagt auch Henning Klodt, Leiter der Wirtschaftspolitik beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Es ist politisch und medial bestens vermittelbar, weil es jeder kennt - im Gegensatz zu deutscher Hochtechnologie in den Werkshallen." Politik und Lobby betrieben aber eine "falsche Vorstellung", dass jeder Siebte arbeitslos würde, wenn ein deutscher Autobauer bedroht sei.