Für die große Gruppe ihrer arbeitenden Anhänger sei das Ziel schon früher erreichbar: "Ich hoffe, dass wir hier schon in ein bis zwei Jahren schwarze Zahlen schreiben." Die seit Jahren unter Auszehrung leidende Gewerkschaft hat derzeit rund 2,23 Millionen Mitglieder, davon waren im Dezember 1,69 Millionen erwerbstätig.
Für Verdi-Chef Frank Bsirske ist das Halten und Werben von Mitgliedern die wichtigste Aufgabe überhaupt. Dies sagte er auch am Donnerstag auf dem Kongress der Organisation in Leipzig. Ausgerechnet da tut sich die Gewerkschaft aber schwer: Seit der Gründung 2001 hat Verdi netto rund 500.000 Mitglieder verloren - obwohl im selben Zeitraum rund 700.000 neue Mitglieder hinzukamen.
Das Problem scheinen dabei weniger die Beschäftigten zu sein. Dort, so Werneke, sei man durchaus erfolgreich: "Bei den erwerbstätigen Mitgliedern hatten wir im vergangenen Jahr nur einen Rückgang von 0,1 Prozent."
Um den Abwärtstrend umzudrehen, hat Verdi mittlerweile professionelle Methoden eingeführt. So werden in jedem Länderbezirk jährlich Vereinbarungen darüber getroffen, wie sich die Mitgliederzahlen in den Branchen und Regionen entwickeln sollen. "Die Vereinbarungen sind im Wesentlichen eingehalten worden", sagte Werneke. Die Planungen seien dabei ambitioniert, aber realistisch. "Das wird selbstverständlich auch kontrolliert", sagte Werneke.
Zu den Strategien gehört nicht nur, bei Kündigungen nach Gründen zu fragen und für einen Neueintritt zu werben. Darüber hinaus schaute sich Verdi bei US-Gewerkschaften das "Organizing"-Modell ab: Statt Forderungen und Aufgaben zu delegieren, werden Mitglieder aufgefordert, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Die Strategie, so Verdi, sei sehr erfolgreich gewesen und wird deswegen übernommen.
Mit der Strategie steht Verdi nicht alleine. Auch die IG Metall wendet sie erfolgreich an und hat damit den Mitgliederschwund von fünf auf zwei Prozent pro Jahr gesenkt. "Was die Mitgliederwerbung anbelangt, gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen IG Metall und Verdi", sagte Werneke. Dass die Schwesterorganisation dennoch erfolgreicher ist, begründet er mit der Branchenstruktur. "Es fällt leichter, in Betrieben und Branchen zu Mitgliederzuwächsen zu gelangen, wo Beschäftigung aufgebaut wird und bereits gewerkschaftliche Strukturen bestehen."
Probleme hat Verdi allerdings bei den Jugendlichen. Gerade mal 140.000 Mitglieder sind jünger als 28 Jahre. Bei ihnen gebe es einen Trend zu fragen, was eine Mitgliedschaft bringe: "Wenn es dann in dem Betrieb nicht mal Tarifschutz gibt, ist es schwierig, Angebote zu machen", sagte Werneke. Man werde sich damit "auseinandersetzen müssen". Insgesamt wolle die Gewerkschaft die Mitgliederwerbung professionalisieren und unterstützen.
Der Verdi-Kongress läuft noch bis Samstag. Nachdem zwei Kandidatinnen für den 14-köpfigen Bundesvorstand zu wenige Stimmen erhielten, musste am Donnerstag neu gewählt werden. Dabei gelang es dem CDU-Mitglied Elke Hannack, mit 92,8 Prozent das zweitbeste Wahlergebnis zu erhalten. Hannack vertritt die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA). Verdi hat im Vergleich zu anderen Gewerkschaften viele CDU-Mitglieder. Wegen der Probleme bei den Wahlen hatte der wiedergewählte Verdi-Chef Frank Bsirske seine Grundsatzrede auf Freitag verschoben.