Christian Wulff ist nicht der Erste, den das trifft. Auch sein Vorgänger als Hannoveraner Regierungschef, Gerhard Schröder, wurde als Kanzler Opfer des Missverständnisses. Er prägte das geflügelte Wort, nach dem er zum Regieren ",Bild‘, ,Bams‘ und Glotze" brauche. Nach dem Wahlsieg 1998 holte er einen Regierungssprecher von "Bild" und gewährte der Redaktion privilegierte Zugänge. Doch "Bild" schaltete von Wohlwollen auf scharfe Kritik um. Schröder gewann die Wahl 2002 trotzdem - und drohte am Wahlabend dem Springer-Verlag prompt mit dem Kartellamt. Einer ähnlichen Logik folgt nun auch Wulff.
Dabei ist zweifelhaft, ob "Bild" tatsächlich die Macht hat, die manch Politiker dem Blatt zuschreibt. Es gibt welche, die bleiben auf Distanz. Das heißt nicht, dass sie das Blatt schlechter behandeln als andere Medien, aber sie gewähren keine exklusiven Zugänge. Beispiele sind Verteidigungsminister Thomas de Maizière oder NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Angela Merkel ist ein Sonderfall. Die Kanzlerin kann sich heftig über zugespitzte Berichte aufregen, den Unmut lässt sie aber meist nur über Mitarbeiter an die Journalisten durchsickern. Gleichzeitig sucht Merkel persönlichen Kontakt zu wichtigen Chefredakteuren und Büroleitern. In unregelmäßigen Abständen lädt sie vertrauliche Runden zu Hintergrundgesprächen. "Wer die Bundeskanzlerin einmal aufgescheucht erleben will, muss sie mit Diekmann erleben", schrieb unlängst ein "Spiegel"-Reporter. ",Bild‘ ist das Massenmedium, auf das sie setzt und vor dem sie Angst hat." Fest steht, dass sie eine gewisse Nähe zu Friede Springer zeigt, der Haupteignerin des "Bild"-Verlags. Und dass sie sich zeitweise des Wohlwollens von "Bild" erfreuen kann.
Das ist nichts im Vergleich zu dem Wohlwollen, das Wulff genoss. Regelmäßig zeigte ihn "Bild" von der sonnigsten Seite. Das Erstaunlichste war, wie "Bild" Wulff 2006 half, den Wechsel von der damaligen Ehefrau zu seiner Freundin und heutigen Gattin medial zu begleiten. Anstatt die Geschichte zu skandalisieren, wie man es vom Boulevard hätte erwarten können, warb "Bild" um Verständnis. "So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch privat seine Entscheidungen", ergab sich "Bild". Wulff berichtete ihr vom "Baby-Glück", "Bild" schwärmte für die Garderobe der Wulff-Gefährtin. Umso mehr muss es Wulff getroffen haben, dass sich "Bild" von ihm abgewandt hat. "Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten", sagte Döpfner einmal über "Bild".