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Merken   Drucken   03.01.2012, 09:15 Schriftgröße: AAA

Verhältnis zur Boulevardzeitung: Ein Liebesentzug von "Bild" trifft schwer

Jahrelang bewegten sich Wulff und die Boulevardzeitung im Gleichklang. Doch das Blatt ist dem Bundespräsidenten nicht mehr gewogen - Christian Wulff ist nicht der erste, dem das so geht.
© Bild: 2012 DPA/dpa/Bildfunk/Soeren Stache
Jahrelang bewegten sich Wulff und die Boulevardzeitung im Gleichklang. Doch das Blatt ist dem Bundespräsidenten nicht mehr gewogen - Christian Wulff ist nicht der erste, dem das so geht. von Lutz Meier  , Claudia Kade  und Thomas Steinmann  Berlin
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Politiker bei Kai Diekmann und Mathias Döpfner anruft, um bessere Behandlung durch die "Bild"-Zeitung zu verlangen. So, wie die meistgelesene Zeitung der Republik seit Jahren Zuwendung und Liebesentzug dosiert, ist es kein Wunder, dass Minister und Abgeordnete glauben, sie könnten sich durch ein persönliches Verhältnis zum Chefredakteur der Zeitung lästige Recherchen vom Leib halten - zumal es Anhaltspunkte gibt, dass einigen genau das gelungen ist. Doch dass sich ein leibhaftiges Staatsoberhaupt meldet, hatte auch Diekmann bis zum 12. Dezember nicht erlebt. Bei normalen Politikern ist das Teil des Spiels, so sieht es auch Diekmann. Aber einer, dessen Bild in Schulen hängt? Im Fall Wulff kamen die Anrufe ohnehin zu spät, um das Verhältnis wieder zu kitten. Etwas muss vorgefallen sein zwischen "Bild" und Wulff, dass der ehemalige "Bild"-Lieblingspolitiker aus Hannover zum Ziel hartnäckiger Nachfragen wurde.
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Christian Wulff ist nicht der Erste, den das trifft. Auch sein Vorgänger als Hannoveraner Regierungschef, Gerhard Schröder, wurde als Kanzler Opfer des Missverständnisses. Er prägte das geflügelte Wort, nach dem er zum Regieren ",Bild‘, ,Bams‘ und Glotze" brauche. Nach dem Wahlsieg 1998 holte er einen Regierungssprecher von "Bild" und gewährte der Redaktion privilegierte Zugänge. Doch "Bild" schaltete von Wohlwollen auf scharfe Kritik um. Schröder gewann die Wahl 2002 trotzdem - und drohte am Wahlabend dem Springer-Verlag prompt mit dem Kartellamt. Einer ähnlichen Logik folgt nun auch Wulff.
Dabei ist zweifelhaft, ob "Bild" tatsächlich die Macht hat, die manch Politiker dem Blatt zuschreibt. Es gibt welche, die bleiben auf Distanz. Das heißt nicht, dass sie das Blatt schlechter behandeln als andere Medien, aber sie gewähren keine exklusiven Zugänge. Beispiele sind Verteidigungsminister Thomas de Maizière oder NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Angela Merkel ist ein Sonderfall. Die Kanzlerin kann sich heftig über zugespitzte Berichte aufregen, den Unmut lässt sie aber meist nur über Mitarbeiter an die Journalisten durchsickern. Gleichzeitig sucht Merkel persönlichen Kontakt zu wichtigen Chefredakteuren und Büroleitern. In unregelmäßigen Abständen lädt sie vertrauliche Runden zu Hintergrundgesprächen. "Wer die Bundeskanzlerin einmal aufgescheucht erleben will, muss sie mit Diekmann erleben", schrieb unlängst ein "Spiegel"-Reporter. ",Bild‘ ist das Massenmedium, auf das sie setzt und vor dem sie Angst hat." Fest steht, dass sie eine gewisse Nähe zu Friede Springer zeigt, der Haupteignerin des "Bild"-Verlags. Und dass sie sich zeitweise des Wohlwollens von "Bild" erfreuen kann.
Das ist nichts im Vergleich zu dem Wohlwollen, das Wulff genoss. Regelmäßig zeigte ihn "Bild" von der sonnigsten Seite. Das Erstaunlichste war, wie "Bild" Wulff 2006 half, den Wechsel von der damaligen Ehefrau zu seiner Freundin und heutigen Gattin medial zu begleiten. Anstatt die Geschichte zu skandalisieren, wie man es vom Boulevard hätte erwarten können, warb "Bild" um Verständnis. "So besonnen wie in der Politik, so besonnen trifft Christian Wulff auch privat seine Entscheidungen", ergab sich "Bild". Wulff berichtete ihr vom "Baby-Glück", "Bild" schwärmte für die Garderobe der Wulff-Gefährtin. Umso mehr muss es Wulff getroffen haben, dass sich "Bild" von ihm abgewandt hat. "Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten", sagte Döpfner einmal über "Bild".
Es gibt Politiker, die fuhren nur nach oben - wie Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Der CSU-Mann und seine Frau sind mit Diekmann befreundet. "Bild"-Redakteure erzählen, dass Diekmann und Guttenberg Geschichten direkt unter sich ausmachten, ohne dass die zuständigen Journalisten und Guttenbergs Öffentlichkeitsarbeiter davon wussten. Auch im Plagiatsskandal fand Guttenberg in "Bild" einen starken Verteidiger. Unterstützung bekam stets auch Roland Koch in Hessen. Er pflegte ebenso ein enges Verhältnis zu Diekmann.
Doch sie alle waren nicht Bundespräsident. Während Wulffs Leute noch "Respekt vor dem Amt" einforderten, muss der Bundespräsident erfahren haben, dass "Bild" seine wenig präsidialen Einlassungen veröffentlichen wollte. Erst da rief er noch einmal bei Diekmann an und entschuldigte sich für seine Drohungen. So hat Wulff doch noch durch einen Anruf etwas verhindern können. Der "endgültige Bruch mit Springer" war da freilich schon vollzogen.
  • Aus der FTD vom 03.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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