Die deutsche Volkswirtschaft steht vor einem fundamentalen Wandel: Die Konsumausgaben der Bürger steuern auf einen neuen Rekord zu. Die Verbraucher geben wieder so viel aus wie vor der Krise. von Mathias Ohanian und Martin Kaelble, Berlin
"Noch in diesem Jahr wird der private Konsum in etwa das Vorkrisenniveau erreicht haben", sagte Jörg Hinze, Konjunkturexperte am Hamburger Forschungsinstitut HWWI. Anfang 2008 lagen die privaten Ausgaben der Deutschen auf ihrem bisherigen Rekordhoch, sieht man von den Auswirkungen der Abwrackprämie ab.
GfK-Konsumklimaindex
Gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass der Verbrauch 2011 weiter kräftig steigt und stark zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Schon jetzt profitiert der deutsche Einzelhandel, wie am Dienstag veröffentlichte Zahlen zeigen.
Damit steht die deutsche Volkswirtschaft vor einem fundamentalen Wandel. In den vergangenen zehn Jahren stagnierte der Konsum meist und beförderte die Konjunktur kaum; das Wachstum hing fast ausschließlich an der Exportentwicklung. Vor allem die gesunkenen Reallöhne bremsten die Kaufbereitschaft der Deutschen.
Private Konsumausgaben in Deutschland
Das könnte sich künftig ändern. Bereits im Frühling dieses Jahres legten die Reallöhne nach Mitteilung des Statistikamts Destatis um mehr als zwei Prozent zu - der höchste Anstieg seit drei Jahren. In der September-Umfrage des FTD-Schattenrats sagten drei Viertel der befragten deutschen Chefökonomen und Institutschefs, dass die Löhne in den kommenden Jahren hierzulande spürbar stärker steigen dürften als zuvor. Als Grund führen sie die stark gesunkene Arbeitslosigkeit an. Steigende Löhne wiederum sind die wichtigste Voraussetzung für steigende Konsumausgaben.
So könnte der private Verbrauch auch im kommenden Jahr deutlich stärker zum Aufschwung in Deutschland beitragen. "Unserer Einschätzung nach wächst der Konsum im Jahr 2011 um ein Prozent", sagte Andreas Scheuerle, Ökonom bei der Dekabank. In den vergangenen zehn Jahren legte der Konsum im Schnitt jährlich nur um etwa 0,2 Prozent zu. Nach Einschätzung des Berliner Forschungsinstituts DIW dürfte er im kommenden Jahr rund ein Drittel des Wachstums in Deutschland ausmachen. Das Institut veröffentlichte am Dienstag seine neue Herbstprognose.
Die Voraussetzungen für ein nachhaltiges Konsumplus sind gut: Optimisten rechnen damit, dass die Zahl der Arbeitslosen 2011 auf im Schnitt deutlich unter drei Millionen fallen könnte - das wäre der tiefste Stand seit der Wiedervereinigung. Bereits am Donnerstag dürfte die Bundesagentur für Arbeit bekannt geben, dass die Erwerbslosenzahl im September auf den niedrigsten Stand seit 1993 gesunken ist.
Solche Rekorde stimmen den Einzelhandel optimistisch; er stellt derzeit wieder verstärkt ein. Wie der entsprechende Einkaufsmanagerindex von Markit zeigt, wurde dort im September der höchste Beschäftigungsaufbau seit drei Jahren verzeichnet. Der Index lag der FTD vorab vor. Die guten Umsatzerwartungen hätten dafür gesorgt, dass die Einzelhändler im September den vierten Monat in Folge neue Mitarbeiter einstellten, sagte Tim Moore von Markit der FTD.
Im Ifo-Geschäftsklimaindex vom Ende vergangener Woche war die Stimmung deutscher Einzelhändler zum dritten Mal in Folge gestiegen. Sie schätzen ihre Lage so gut ein wie noch nie seit der Wiedervereinigung - und deutlich besser als im vergangenen Aufschwung 2006. Zudem blicken die Einzelhändler unverändert zuversichtlich auf die Geschäftsentwicklung in den kommenden sechs Monaten.
Auch das von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erhobene Konsumklima stieg auf 4,9 Punkte deutlich an. Im Vormonat hatte der Gesamtindikator 4,3 Punkte betragen. "Der konjunkturelle Aufschwung mit sinkenden Arbeitslosenzahlen sowie ein moderates Preisklima sorgen im September für eine spürbare Verbesserung der Verbraucherstimmung", teilte die GfK am Dienstag mit.
Ein weiteres Indiz für einen guten Konsum ist die niedrige Inflation. Die Teuerung lag im September nach Destatis-Angaben nur bei 1,2 Prozent. Auch in den kommenden Monaten dürfte sie gering ausfallen.
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