11. Juli 2005, 10:10 Uhr:
Berlin, Pariser Platz. In prominenter Hauptstadtlage zwischen Brandenburger Tor und Hotel Adlon treffen sich die knapp 100 Vorstandsmitglieder von CDU und CSU, um ihr Wahlprogramm zu verabschieden. Das heißt, sie wollen sich treffen, denn noch sind die meisten Vorständler nicht eingetroffen. Bereits vor Ort ist dagegen Greenpeace. Fünf unauffällige Lastwagen einer eher unbekannten Verleihfirma fahren auf dem geschichtsträchtigen Platz vor. Zwei der Wagen, mit Hebebühnen ausgestattet, postieren sich direkt vor dem Gebäude, in dem die Union tagen wird.
Die acht Polizisten, die in greller Sommersonne die Veranstaltung bewachen, fürchten um den freien Zugang zum Haupteingang. Höflich bitten sie die Fahrer, die sie offensichtlich für Fensterputzer halten, doch weiter seitlich zu parken. Kein Problem: Ebenso höflich stellen die Umweltschutzaktivisten ihre Laster ein paar Meter weiter ab, fahren noch dichter ans Gebäude, setzen die Hebebühnen in Aktion und beginnen, von den Balkonen des obersten Stockwerks aus ein fassadenfüllendes gelbes Transparent zu entrollen. Nun prangt am Tagungsort der Union ein überdimensionales Symbol für Strahlungsgefahr, in dessen Mitte das CDU-Logo leuchtet. Die Polizisten beäugen das Gebäude, einer verhandelt per Funk mit einer weit entfernten Zentrale.
Kaum Platz für Merkel
10:20 Uhr: Die ersten Delegierten von CDU und CSU eilen ins Haus, mitten durch eine Menschenmenge aus Reportern und Kameras, der die Greenpeace-Laster kaum noch Platz zum Ausweichen lassen.
In der Mitte des Platzes haben weiß gekleidete Greenpeace-Leute die drei anderen Laster entladen. Dutzende leuchtend gelber Fässer säumen nun den Bürgersteig vor dem Gebäude. Mit Trommelstöcken bearbeiten die Demonstranten die Fässer, so dass Interviewer und Interviewte ihr eigenes Wort kaum verstehen. Die acht Polizisten mühen sich derweil, im Gedränge vor dem Gebäude den Kameras aus dem Weg zu gehen.
10.45 Uhr: Die Parteiprominenz hat sich einen Weg ins Tagungszentrum gebahnt, für Kanzlerkandidatin Angela Merkel kämpften drei breitschultrige Helfer um jeden Zentimeter. Nur Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber fehlt noch. Die Polizisten sperren den Greenpeace-Lastwagen mit einem schmalen rot-weißen Band ab.
10:50 Uhr: Stoiber erreicht mit 20 Minuten Verspätung den Tagungsort. Die meisten Kamerateams sind bereits drin, der Platz ist halb leer, das rot-weiße Band hängt schlaff in der Sonne.