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Merken   Drucken   07.04.2006, 12:26 Schriftgröße: AAA

Weekend: Spionage leicht gemacht  

Was der BND so treibt, untersucht jetzt ein Bundestagsausschuss. Wir Bürger können mithelfen: als Zahlenfunklauscher, Plainspotter und Spionagesatelliten-Beobachter. von Kristina Allgöwer
Der kleine Jochen presst sein Ohr ans Radio. Es gluckert, rauscht und brummt aus dem Lautsprecher. An seinem ersten Schultag interessiert er sich nicht für den Unterricht, seine Mitschüler oder den Lehrer. Jochen fesseln die geheimnisvollen Geräusche aus dem Gerät, das er in der Pause auf dem Fußboden des Klassenzimmers gefunden hat. Es ist auf Kurzwelle eingestellt. Jochen dreht an der Kurbel. Plötzlich hört er eine Frauenstimme aus dem Radio. "Lima Mike, Lima Mike", ruft sie. Es pfeift. Pause. "Es liegen Mitteilungen vor für: Fünnef-Zero-Drei." Zahlenkolonnen. Jochen hat keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Erst viele Jahre später glaubt er zu wissen, wen er belauscht hat: den Bundesnachrichtendienst (BND), der seinen Agenten verschlüsselte Botschaften schickt.
Die Geheimdienste kennen uns: Sie schicken Spionagesatelliten ins All und Agenten in alle Welt, hören Telefongespräche ab, verwanzen Wohnungen und Büros. Es ist eine einseitige Bekanntschaft. Ob der BND dem US-Militär kriegsrelevante Informationen geliefert und die CIA Gefangene via Deutschland verschleppt hat, wird ein Untersuchungsausschuss des Bundestags prüfen. Aber auch wir können Geheimdienste überwachen. Indem wir ihre Satelliten aufspüren, ihre Flugzeuge beobachten, ihren Funk belauschen. Einige Bürger haben schon damit begonnen zurückzuspionieren. Sie sind Jäger nach Daten, Bildern und Tönen.
Jochen Schäfer jagt und sammelt die Agentenfunkmeldungen, seit er sie als Kind zum ersten Mal gehört hat. Heute ist er 33 Jahre alt und Dokumentationsassistent in einer Bibliothek. Schäfer wurde ohne Augen geboren, seine Lider sind stets geschlossen. Die Welt besteht für ihn aus Geräuschen.
Geheimnisvollste Geräusche durch Zahlen
Die Zahlen im Radio sind die geheimnisvollsten Geräusche, die er je gehört hat. Er hat sie akribisch archiviert: Auf seinem Fensterbrett im siebten Stock eines Marburger Hochhauses stehen sechs Holzkästen voller Kassetten. CDs mag er nicht. "Das sind historische Aufnahmen", sagt er. "Die brauchen historische Tonträger." Sie sind nicht beschriftet, auch nicht in Brailleschrift. Er nimmt eine Kassette aus Kasten drei, schüttelt sie, legt sie in den Rekorder und lauscht einige Sekunden, die Stirn ans Regal gelehnt. "Zwo-Fünnef-Sieben-Sieben-Neuen", sagt die Frauenstimme. "Das ist Kassette Nummer 171", verkündet er wie ein "Wetten, dass...?"-Kandidat. Es sind 546 Stück. Was die rätselhaften Zahlenreihen bedeuten, die er aufnimmt, weiß er nicht.
Noch nie hat ein Geheimdienst zugegeben, dass er seine Agenten über Kurzwelle kontaktiert. "Das klingt wie ein Code", sagt Jochen Schäfers Vater, als er seinem Sohn zum ersten Mal beim Agentenfunklauschen zuhört. Der Jochen hört immer die Geheimsender, heißt es bald in der Familie.
Dass die Geheimsender tatsächlich zu Geheimdiensten gehören, bestätigen ehemalige Stasi-Spione, ausgestiegene Mossad-Agenten und CIA-Mitarbeiter, wenn sie anonym bleiben. Die Öffentlichkeit erfährt von den rätselhaften Funkkontakten meist nur dann, wenn Spione enttarnt werden. 2002 gestand eine Mitarbeiterin der Washingtoner Defense Intelligence Agency, 16 Jahre lang für Kuba spioniert zu haben. Auf ihrem Computer fand das FBI Zahlencodes, die die Agentin per Kurzwelle erhalten hatte.
Diese spärlichen Informationen reichen Jochen Schäfer nicht. Er will wissen, welcher Sender zu welchem Geheimdienst gehört. Deshalb hat er sich vor vier Jahren der European Number Information Gathering and Monitoring Association 2000 (ENIGMA 2000) angeschlossen, einer Gruppe gleich gesinnter Hobbyagentenjäger. Die weltweit 600 Mitglieder vergleichen ihre Funde, stellen sie ins Internet, notieren Sendezeiten und Frequenzen und schließen aus der Signalstärke, woher der Agentenfunk kommt.
Geheimdienste wenig erfreut
Jeder Sender hat seine typischen Anfangs- und Schlusszeichen. Jochen Schäfer kann sie alle nachsingen. Dann kneift er seine Augenbrauen zusammen, senkt den Kopf und lässt sich nicht unterbrechen, bis er beim letzten Ton angekommen ist. Den britischen Geheimdienst erkennt er daran, dass er seine Agenten mit dem Volkslied "Lincolnshire Poacher" begrüßt. Die Franzosen riefen ihre geheimen Mitarbeiter mit einer Jodelmelodie, glaubt Schäfer, die Stasi die ihrigen mit der Internationalen. Der mutmaßliche BND-Sender schickt lediglich zwei Buchstaben im Nato-Alphabet voraus, um den Spion, an den die Nachricht gerichtet ist, auf sich aufmerksam zu machen: Charlie Delta zum Beispiel oder Papa November.
  • FTD.de, 07.04.2006
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