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  20.06.2009, 16:16    

Wegen Internetsperre: Tauss tritt aus SPD aus - und wird Pirat

Der unter Kinderporno-Verdacht stehende SPD- Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss hat seinen Austritt aus der SPD erklärt. Gleichzeitig kündigte er an, Mitglied der Piratenpartei werden zu wollen. Die Sozialdemokraten reagierten umgehend.

Aus Protest gegen das vom Bundestag verabschiedete Gesetz zur Sperrung von Kinderpornografie im Internet ist der Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss aus der SPD ausgetreten. Tauss hatte den Schritt bereits am Freitag in einem Interview erwogen und seinen Austritt nun per Mail dem Parteivorsitzenden Franz Müntefering mitgeteilt, sagte der Abgeordnete am Samstag der Nachrichtenagentur AP.
Die baden-württembergische SPD-Chefin Ute Vogt forderte Tauss umgehend auf, sein Mandat zurückzugeben. "Wir müssen diesen Schritt zur Kenntnis nehmen und fordern ihn auf, sein Bundestagsmandat zurückzugeben", sagte Vogt am Samstag der DPA in Stuttgart. "Das Bundestagsmandat kapern geht nicht", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange der "Welt am Sonntag". Tauss habe das Mandat durch die SPD erlangt und müsse es wieder zurückgeben. Der nun aus der SPD ausgetretene Politiker sitzt seit 1994 für den Wahlkreis Karlsruhe-Land im Parlament.
Kampf um das Bundestagsmandat Doch Tauss denkt nicht daran, sein Mandat zurückzugeben: "Bis Ende der Legislaturperiode werde ich der erste Abgeordnete der Piratenpartei im Bundestag sein", sagte Tauss am Samstag der DPA in Berlin. Allerdings wolle er bei der Bundestagswahl im September nicht für die Piratenpartei kandidieren.
Tauss sicherte zu, seine finanziellen Verpflichtungen gegenüber der SPD zu erfüllen und bei Beschlüssen mit der SPD-Fraktion zu stimmen, wenn sie sich nicht gegen Bürgerrechte und Internet-Freiheit richteten. Für die nächste Sitzung der SPD-Fraktion an diesem Dienstag habe er sich aus Termingründen bereits vor seinem Parteiaustritt entschuldigt, sagte der Abgeordnete. Den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) habe er gebeten, ihm für die letzte reguläre Sitzungswoche vom 29. Juni bis 3. Juli "einen Stuhl zur Verfügung zu stellen".
Tauss, gegen den die Staatsanwaltschaft Karlsruhe wegen Besitzes, Erwerbs und Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt, hatte sich bis zuletzt gegen die Internetsperre gewehrt. Er will sich künftig bei der Piratenpartei engagieren, die vorwiegend für die Freiheit des Internets kämpft. Die Partei hatte bereits Bereitschaft zu seiner Aufnahme bekundet. Der Vorsitzende der Piratenpartei, Dirk Hillbrecht, erklärte sich bereit, Tauss trotz des Verdachts in die Partei aufzunehmen. "Zum einen gilt die Unschuldsvermutung", sagte Hillbrecht dem "Kölner Stadt Anzeiger". "Zum andern hat sich Herr Tauss in der Sache ja schon geäußert. Insofern sehe ich hier erstmal keinen absoluten Hinderungsgrund."
Gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Tauss wird wegen ...   Gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Tauss wird wegen Kinderpornografieverdacht ermittelt
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
Wegen des Kinderpornografieverdachts hatte Tauss auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag verzichtet; den Verdacht wies der ehemalige medienpolitische Sprecher der SPD gleichwohl zurück und gab an, auf das in seiner Berliner Wohnung gefundene entsprechende Material sei er bei Recherchen als Abgeordneter gestoßen. Er habe einen Kinderpornoring sprengen wollen.
Die Ermittlungsbehörde hält das nach wie vor für unglaubwürdig. "Die bisherige Einschätzung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe zu seiner Einlassung besteht fort", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Gunter Spitz nach der Vernehmung im März. Seine Behörde sieht zwischen den beschlagnahmten Fundstücken und der Arbeit von Tauss als Abgeordneter keinen Zusammenhang.
Zur Begründung seines Parteiaustrittes erklärte der SPD-Politiker, die Bürgerrechte im Internet würden zunehmend verletzt und nannte auch die vom Bundestag in dieser Woche beschlossenen Internetsperren. "Aus diesem Grund bin ich auch aus der SPD nach fast 40 Jahren Mitgliedschaft am 20.6. ausgetreten und unterstütze künftig die Piratenpartei", sagte Tauss.
Er stimme zwar weiter in vielen Punkten mit dem SPD-Programm überein: "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind die Grundwerte, denen ich mich auch in Zukunft verpflichtet fühle." Auf dem Feld der Innen-, Rechts- und Internetpolitik gebe es in der SPD jedoch eine "schlimme Fehlentwicklung", die in der Zustimmung zu der Internetsperre gegipfelt sei, kritisierte Tauss.
"Stück für Stück hat sich die SPD von einer Bürgerrechtspartei, die mutig für Freiheit und Recht kämpft, zu einer Steigbügelhalterin der Union entwickelt, die ohne ein Zögern gewillt ist, eine sicherheitspolitische Aufrüstung ohne Ende zu befördern", kritisierte Tauss.
Es fehle an Internet-Sachverstand im Bundestag
Das Gesetz zur Errichtung der Internetsperre werde weniger gegen Kinderpornografie wirken, als der Errichtung "technischer Zensurinfrastrukturen" dienen, behauptete Tauss. Alle Online-Experten auch der SPD hätten von einer Zustimmung abgeraten, die Parteibasis habe rebelliert, dennoch sei es beschlossen worden.
Das Internet dürfe nicht zu einem bürgerrechtsfreien Raum werden, mahnte Tauss und kritisierte, auch den anderen im Bundestag vertretenen Parteien fehle es an Internet-Sachverstand.
Piraten ahoi!
Die Piratenpartei Deutschland wurde im September 2006 in Berlin gegründet. Vorbild war die schwedische Piratpartiet, nach der in verschiedenen europäischen Ländern solche Gruppierungen entstanden. Ihr Hauptanliegen ist die informationelle Selbstbestimmung und der freie Zugang zu Wissen und Kultur im Internet. Der Name spielt auf den Vorwurf der Musik- und Filmindustrie an, Nutzer von Internet-Tauschbörsen seien "Piraten". Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland ist der Softwareentwickler Dirk Hillbrecht. Bei der Europawahl bekam sie bundesweit 0,9 Prozent der Stimmen. Die Zahl der Mitglieder liegt nach Parteiangaben inzwischen bei knapp 2000.
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