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Merken   Drucken   19.03.2000, 20:23 Schriftgröße: AAA

Wer keine Ausländer will, bekommt auch keine Gründer  

Eine Greencard für Ingenieurstudenten hat zur Eröffnung der Hannover Messe Industrie der Präsident des Verbandes der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, Eberhard Reuther, gefordert. Zuvor hatte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, erneut ein Einwanderungsgesetz verlangt. von Ursula Weidenfeld, Berlin

Eine Woche nach der Entscheidung der Bundesregierung, insgesamt 20.000 Computerspezialisten für bis zu fünf Jahre ins Land zu holen, zeigt sich, dass diese Regelung bei weitem nicht ausreichend ist. Immer mehr Experten warnen die Bundesregierung, dass das Land Wachstumspotenziale und Arbeitsplätze verschenkt, wenn es keine konsequente und offensive Einwanderungspolitik betreibt.

So schätzt das Marktforschungsinstitut Datamonitor, dass Europa bis zum Jahr 2002 ein bis 1,5 Prozent Wachstum verlieren wird, wenn es seine Lücke mit IT-Fachkräften nicht schnell schließt. Schlimmer noch: Weil Deutschland darauf verzichten will, den angeworbenen Fachkräften eine längerfristige Perspektive zu geben, wird es auch nicht vom stark entwickelten Gründergeist der Immigranten profitieren.

18 Prozent der Unternehmensgründungen in den USA gehen auf das Konto von Immigranten. Dort, wo besonders viele Ausländer gründen – etwa im Silicon Valley –, sind die Wachstumsraten am dynamischsten. Hier wird inzwischen jedes vierte Unternehmen von einem Inder oder einem Chinesen gegründet. Das National Bureau of Economic Research hat ermittelt, dass die legalen Einwanderer im Schnitt nicht nur besser qualifiziert sind als die gebürtigen Amerikaner, sondern auch deutlich mehr verdienen.

Europa dagegen fehlen die kreativen Einwanderer. Die Global-Entrepreneurship-Monitor-Studie, in der im vergangenen Jahr Wissenschaftlerteams aus zehn Ländern die Gründerkultur in den G7-Staaten analysierten, stellte fest, dass das Wachstumsdefizit in Deutschland zu einem beträchtlichen Teil auf die träge Gründerkultur im Land zurückzuführen ist. Gründer und kleine und mittlere Unternehmen bauen Beschäftigung auf, während alte Industrien Arbeitsplätze abbauen.

Wachstumsstarke Staaten wie die USA, Kanada und Israel haben im Vergleich zu Deutschland deutlich mehr junge Unternehmen und viel mehr Gründer. Und sie haben eine organisierte Einwanderung von qualifizierten Kräften. Die USA und Kanada profitieren von Einwanderern aus Indien und Asien, Israel von Tausenden Russen, die sich vorzugsweise im IT-Sektor selbstständig machen. Für jeden Einwanderer, der seit 1970 die USA betrat, wurden zwei neue Jobs geschaffen, rechnet die Vereinigung der Einwanderungsanwälte vor. Seitdem die Probleme auf dem US-Arbeitsmarkt gelöst sind, ist die Einstellung der Bevölkerung zur Immigration deutlich positiver geworden.

Darauf könnten auch die Deutschen bauen, empfehlen die Einwanderungsbefürworter. Weil Einwanderer durch das Verlassen ihrer Heimat Übung im Bruch mit dem Altem und im Umgang mit dem Neuen haben, fällt ihnen der Schritt in die Selbstständigkeit leichter. Sie sind ehrgeiziger, wissbegieriger und weniger sicherheitsorientiert.

Nur: Das renommierte Babson College im US-Bundesstaat Massachusetts hat herausgefunden, dass Ausländer nur dann Unternehmen gründen, wenn sie auch auf Dauer bleiben dürfen. Und wenn sie ein soziales Netzwerk haben, das auch ihrer Familie ein geeignetes Umfeld im Gastland bietet.
  • FTD, 19.03.2000
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