Deutsche Firmen wittern im Gaddafi-freien Wüstenstaat das große Geschäft. Die neue Führung in Tripolis rechnet mit Krediten.
von Marina ZapfBerlin
"Unter Freunden kann man tadeln", sagt der libysche Diplomat erhitzt. Gerade ist er bei einer Wirtschaftskonferenz des Afrika-Vereins hart mit der Bundesregierung ins Gericht gegangen: Wegen der restriktiven Visa-Vergabe könnten libysche Kriegsverletzte nicht in Deutschland behandelt werden. Selbst Mitglieder der Krisenregierung müssten um eine Einreiseerlaubnis betteln. "Die deutsche Seite schätzt das Leid der libyschen Seite nicht", klagt Ali Zaidan, Koordinator der libyschen Botschaften in Europa. "Wir hoffen, dass sie mehr Interesse zeigt. Das muss Deutschland leisten, um das libysche Volk zu gewinnen."
Die Kritik hat gefruchtet. Binnen Tagen war im Auswärtigen Amt gar von einer möglichen Luftbrücke für Verletzte die Rede. Nun hofft die Führung des befreiten Libyens, dass auch das von Berlin zugesagte Geld genau so unbürokratisch fließt. Denn die siegreichen Rebellen möchten das Geschäft mit dem zweitgrößten Wirtschaftspartner hinter Italien ausbauen: 200 Mrd. Dollar kann der Wiederaufbau kosten. Auch die deutsche Wirtschaft wittert ein neues Eldorado - trotz unzähliger Ungewissheiten.
So fehlt es der Krisenführung in Tripolis nicht nur an harter Währung. Aufträge für neue Anlagen, Infrastruktur oder Krankenversorgung sollen erst vergeben werden, sobald eine neue Regierung im Sattel ist. Aber die lässt auf sich warten. "Der Markt war unter Gaddafi schwierig, und Kenner handeln auch jetzt mit Bedacht", mahnt ein Logistik-Anbieter. "Dennoch herrscht Goldgräberstimmung."
Schützenhilfe soll Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler leisten, wenn er heute mit 24 Wirtschaftsvertretern das Mittelmeer quert. Bei 140 Interessierten hätte er fünf Transall-Maschinen bestellen können statt einer. Es werde "ein Startpunkt für den Ausbau der Beziehungen sein", sagt Staatssekretär Hans Joachim Otto. Mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wird ein Delegiertenbüro der Wirtschaft geplant, das mit einem Kontaktbüro des Afrika-Vereins (AV) als Vermittlungsplattform dienen soll. "Von der Reise erwartet sich die deutsche Wirtschaft eine Verbesserung des Klimas und der Zusammenarbeit", sagt der geschäftsführende AV-Vorstand Hans Meier-Ewert.
Zurück in das von Muammar al-Gaddafi befreite Land wagen sich vorerst nur die Großen. Winters-hall, seit 50 Jahren in Libyen, bereitet nach dem Beginn der Offshore-Ölförderung den Neustart der Produktion in der Wüste vor. Dafür sollen wieder internationale Mitarbeiter entsandt werden. Die Sicherheit habe sich in vielen Regionen verbessert, ein Termin stehe aber noch nicht fest, so ein Firmensprecher. "Derzeit prüft Wintershall die Produktionsanlagen in der Wüste auf Funktionsfähigkeit." Bestehende Verträge sollen gültig bleiben.
Große Pläne hat auch die Hamburger RWE Dea. Zur Entwicklung der libyschen Ölfunde will sie 1,3 Mrd. Dollar investieren. ThyssenKrupp und Ferrostahl stehen für den Wiederaufbau des Landes bereit. Die Lufthansa will Libyen in den nächsten Monaten wieder anfliegen.
Immerhin scheinen Probleme der Geldströme nach der Aufhebung vieler Uno- und EU-Sanktionen weitgehend behoben zu sein. Doch klagt Vize-Ölminister Abdelsalam Kablan in Berlin über Devisenflaute in der Kasse - trotz aller Millionenzusagen aus Washington, Paris oder Berlin. "Wir haben noch keinen Penny erhalten", sagt er. "Womit sollen wir ausländische Rechnungen bezahlen?" Von Rösler erhofft sich die Führung Direkthilfe durch langfristige Kredite für Infrastrukturbauten wie Strom- und Wasserversorgung. "Wer uns jetzt hilft, den werden wir in Zukunft als Freund sehen, und wir werden ihn sehr schätzen", verspricht der Diplomat Zaidan.
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