Ostdeutschland hinkt dem Westen wirtschaftlich viel stärker hinterher als gedacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) nach revidierten Daten der amtlichen Statistik. "Das Bruttoinlandsprodukt der ostdeutschen Bundesländer war über-, das eingesetzte Arbeitsvolumen dagegen unterschätzt worden."
So erreichte der Osten im Vorkrisenjahr 2008 bei der Wirtschaftskraft pro Kopf nur 66 Prozent des Westniveaus statt der bisher berechneten 69 Prozent. Bei der Produktivität je Arbeitsstunde waren es sogar nur 70 statt 75 Prozent. "Das ist ein Rückschlag im Aufholprozess von mindestens fünf Jahren", sagte IWH-Experte Udo Ludwig.
Wann findet der Osten also wirtschaftlich Anschluss ans Westniveau? Im vorigen Jahr lag das Bruttoinlandsprodukt bei 67 Prozent. "Das sind Langzeitwirkungen, die man nicht über zehn, 20 oder 30 Jahren wieder rausbekommt", betonte Ludwig. Zudem seien die Möglichkeiten der Politik wegen der Globalisierung sehr stark eingeschränkt. "Das dauert noch Jahrzehnte", befürchtete der Hallenser Ökonom. Die Gründe für das Hinterherhinken der ostdeutschen Wirtschaft seien eher struktureller Natur. "Da holen uns alle Versäumnisse ein, die in den 1990er-Jahren begangen wurden", betonte Ludwig. "Die DDR-Mark ist für die Wirtschaft überbewertet worden, der Umtauschkurs war zu hoch." Für die Bürger sei das gut, für die Wirtschaft verheerend gewesen. "Das war der erste Nagel zum Sarg", bilanzierte Ludwig. Zudem seien die Löhne zu schnell an das Niveau des Hochlohnlands der Bundesrepublik angeglichen worden. Wer das nicht mehr zahlen konnte, sei pleitegegangen oder aus Tarifverträgen ausgestiegen. "Das hat das Tarifsystem ins Wanken gebracht."
Auch die Treuhand treffe mit ihrer Privatisierungsstrategie eine Mitschuld, kritisierte Ludwig. Viele Betriebe, die nicht konkurrenzfähig waren, seien dichtgemacht worden. Stattdessen hätte man sie fit für den Wettbewerb machen müssen.