"Wir haben Notrufnummern von euren Eltern. Und wenn wir einen von euch heute Nacht nicht finden können, rufen wir an." Solche Drohungen sind im SPD-Fraktionssaal sonst nicht üblich. Bundestagsabgeordnete haben auch nach 22 Uhr freien Ausgang, sollte man meinen. Aber im dritten Stock des Reichstags sitzen am vergangenen Sonntag keine erwachsenen Parlamentarier, sondern Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren.
150 junge Menschen spielten bis Dienstag SPD-Bundestagsfraktion. Jeder Abgeordnete hat einen Bewerber aus seinem Wahlkreis nach Berlin geschickt. Die Fraktion soll die Ergebnisse später aufgreifen, alles unter dem Label "Zukunftsdialog".
Mit dem Planspiel will die SPD im Bundestag junge Menschen für ihre Arbeit begeistern. Der durchschnittliche Sozialdemokrat ist knapp unter 60, nur sechs Prozent der Parteimitglieder sind jünger als 25. Die alte Tante SPD bräuchte dringend junges Blut. Doch bei den Jungwählern wildern die Piraten. Hätten in Schleswig-Holstein nur die 18- bis 24-Jährigen gewählt, sie lägen fast gleichauf mit der SPD.
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Den Kontakt zur Jugend verbessern soll nun das Planspiel im Bundestag. Hier gibt es keine netzpolitischen Mätzchen, bloß gute alte Fraktionsarbeit: Vorstand wählen, Arbeitsgruppen (AGs) bilden, Anträge schreiben, abstimmen. Eine ganze Sitzungswoche in drei Tagen. "Die Mühsal der Ebene vermitteln", nennt das Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Abgeordneter sein heiße eben mehr als "Füße schaukeln und nicht ins Plenum gehen", sagt seine parlamentarische Geschäftsführerin Petra Ernstberger.
Zwar benutzt die SPD die Wunderwaffe der Netzpartei, die Abstimmungssoftware "Liquid Democracy", für ihren Zukunftsdialog. Damit aber genug mit den Parallelen zur Piratenpartei. Die repräsentative Demokratie durch Internetabstimmungen ersetzen? "Ich habe meine Zweifel, dass das bei einem 82-Millionen-Volk geht", sagt Steinmeier. Und was macht die netzaffine Jugend? Applaudiert und stellt sich zum Fototermin neben den Fraktionschef.
Die Mühsal der echten Politik kennen die meisten Planspieler ohnehin schon: Von der Schülersprecherin bis zum Jungsozialisten mit SPD-Button am Revers - politisch engagiert sind die allermeisten. Mag das Sakko auch so manchem noch zu groß sein, die Rhetorik sitzt. Da wird fleißig John F. Kennedy zitiert oder die Inschrift am Reichstagsgebäude: "Die Jugend ist das kommende deutsche Volk!"
Miro Kneipp mag es lieber eine Nummer kleiner: "Wenn ihr mich sympathisch genug findet, wählt mich einfach", sagt der 18-jährige Nordhesse, als er sich um das Amt des fiktiven Fraktionschefs bewirbt. Am Dienstag musste er in der entscheidenden Sitzung dann seine Fraktion bändigen: Die AG Integration forderte eine Kindergartenpflicht, die AG Familie widersprach heftig. Der Antrag musste geändert werden. "Aus ganz verschiedenen Meinungen eine rausfiltern und die gebündelt weitergeben. Das ist mir schon recht schwergefallen", sagte Kneipp danach.
"Ihr seid jetzt parlamentarische Botschafter", sagte Ernstberger zum Abschied: "Vielleicht seh ich ja den ein oder anderen irgendwann als richtigen Abgeordneten hier." Kneipps Antwort dürfte ihr gefallen haben: "Ich bin politisch noch ein unbeschriebenes Blatt, aber vielleicht ändert sich das ja."