FTD.de » Politik » Europa » Alternativpläne zur EU

Merken   Drucken   22.03.2007, 10:00 Schriftgröße: AAA

50 Jahre Römische Verträge: Alternativpläne zur EU

Nach 1945 wurde viel erwogen, was heute aberwitzig klingt - etwa Frankreichs Beitritt zum Commonwealth. Anderes wirkte durchaus realistisch. von Judith Kösters
Für die Briten war es eine kleine Sensation: Die Franzosen hätten die Queen als Staatsoberhaupt akzeptiert. Das belegen Akten aus dem Jahr 1956, die Journalisten der BBC vor wenigen Wochen entdeckten. Sie dokumentieren Gespräche zwischen dem französischen Premier Guy Mollet und seinem britischen Kollegen Anthony Eden. Mollet schlug nichts Geringeres vor als eine Verschmelzung der Länder Großbritannien und Frankreich. Dass die Franzosen, Égalité hin oder her, die Queen als Herrscherin hätten anerkennen müssen, dürfte "keine Schwierigkeiten" darstellen, sagte Mollet damals. Doch Großbritannien lehnte ab. Stattdessen unterschrieb Frankreich 1957 die Römischen Verträge.
"Aus der heutigen Perspektive betrachtet erscheint die Idee dieser Union tatsächlich abwegig", sagt Wilfried Loth, Professor für europäische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. "Aber vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 schwebten viele solche Vorschläge im Raum." Einige waren Wunschträume, andere ganz realistische Projekte.
Jean Monnet zum Beispiel, der als einer der Gründerväter der EU gilt, wollte ein föderales Europa schaffen. Ihm schwebte ein Bundesstaat vor, in dem die Mitgliedsstaaten einen Teil ihrer nationalstaatlichen Souveränität aufgeben. Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Winston Churchill. Zwar forderte er 1946 in seiner berühmten Züricher Rede die Errichtung der "Vereinigten Staaten von Europa". Dabei dachte er aber weniger an einen Bundesstaat, sondern an einen losen Staatenbund, in dem die Mitglieder ihre volle nationalstaatliche Souveränität behalten.
Die Idee der europäischen Armee
Churchill war es auch, der den Aufbau einer europäischen Armee anregte. Eine Idee, die unter anderem die Versammlung des Europarats befürwortete. 1950 wurden die ersten Pläne ausgearbeitet. Das Ergebnis war die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Sie sah eine Armee vor, zusammengesetzt aus westdeutschen, französischen, italienischen, belgischen, luxemburgischen und niederländischen Soldaten. Einer der größten Verfechter der Gemeinschaft war Konrad Adenauer. Er hoffte, dass mit der EVG das Besatzungsstatut, das die Souveränität Deutschlands einschränkte, abgelöst würde. Das Projekt EVG scheiterte allerdings 1954 auf den letzten Metern: Die französische Nationalversammlung verweigerte als einziges Parlament die Ratifizierung der Verträge.
Hätten die Abgeordneten dafür gestimmt, dann würden im heutigen Europa deutsche Soldaten vielleicht zur Grundausbildung in die Toskana geschickt oder an die belgische Küste. Damals war das allerdings noch nicht geplant - allein schon wegen der Sprachbarriere. Englisch war als Verständigungssprache noch nicht so verbreitet wie heute. Und jeden Befehl in vier Sprachen auszugeben hätte wohl eher für Chaos als für Ordnung gesorgt.
Deutsche, niederländische oder italienische Soldaten hätten aber alle die gleichen Uniformen getragen und wären ab der Divisionsebene mit Truppen aus den Partnerländern zusammengelegt worden, mit einem europäischen Oberkommando an der Spitze. "Das wäre dann die europäische Säule der Nato geworden", sagt der Historiker Wilfried Loth. Und: "Es hätte dann keine französische, sondern eine europäische Atommacht gegeben."
Diskussion um Verkehrsgemeinschaft
"Nach dem Scheitern der EVG 1954 gab es dann eine ganze Reihe anderer Vorschläge, welche Politikfelder man auf europäischer Ebene integrieren könnte", sagt Loth. Diskutiert wurden zum Beispiel eine Forschungsgemeinschaft und eine zentrale Landwirtschaftsbehörde. Und auch eine Verkehrsgemeinschaft war geplant: Bahn, Straßen, Schifffahrt und Luftverkehr wären dann alle zentral auf europäischer Ebene koordiniert worden. Zwar wären die Bundesbahn und der französische Betreiber SNCF nicht unbedingt zusammengelegt worden. Aber: "Bei der ganzen Privatisierungsangelegenheit müsste sich die Bahn heute nicht mit der Bundesregierung herumschlagen, sondern mit der Kommission", erläutert Loth.
Der Vorschlag einer Union zwischen Großbritannien und Frankreich hat übrigens eine Vorgeschichte: "Großbritannien hat Frankreich 1940 nach der Niederlage gegen die Deutschen genau das angeboten", sagt Loth. Gemeinsam wollten Briten und Franzosen die Nationalsozialisten bekämpfen. Damals entschied Frankreich sich dagegen.
  • FTD.de, 22.03.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Wulff-Affäre: Menschen im Hotel

    Die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff grenzten zuletzt ans Lächerliche, die neuen tun es nicht: Sie legen den Verdacht einer Vorteilsnahme nahe. Es könnte eng werden. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote