"Aus der heutigen Perspektive betrachtet erscheint die Idee dieser Union tatsächlich abwegig", sagt Wilfried Loth, Professor für europäische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. "Aber vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 schwebten viele solche Vorschläge im Raum." Einige waren Wunschträume, andere ganz realistische Projekte.
Jean Monnet zum Beispiel, der als einer der Gründerväter der EU gilt, wollte ein föderales Europa schaffen. Ihm schwebte ein Bundesstaat vor, in dem die Mitgliedsstaaten einen Teil ihrer nationalstaatlichen Souveränität aufgeben. Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Winston Churchill. Zwar forderte er 1946 in seiner berühmten Züricher Rede die Errichtung der "Vereinigten Staaten von Europa". Dabei dachte er aber weniger an einen Bundesstaat, sondern an einen losen Staatenbund, in dem die Mitglieder ihre volle nationalstaatliche Souveränität behalten.
Die Idee der europäischen Armee
Churchill war es auch, der den Aufbau einer europäischen Armee anregte. Eine Idee, die unter anderem die Versammlung des Europarats befürwortete. 1950 wurden die ersten Pläne ausgearbeitet. Das Ergebnis war die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Sie sah eine Armee vor, zusammengesetzt aus westdeutschen, französischen, italienischen, belgischen, luxemburgischen und niederländischen Soldaten. Einer der größten Verfechter der Gemeinschaft war Konrad Adenauer. Er hoffte, dass mit der EVG das Besatzungsstatut, das die Souveränität Deutschlands einschränkte, abgelöst würde. Das Projekt EVG scheiterte allerdings 1954 auf den letzten Metern: Die französische Nationalversammlung verweigerte als einziges Parlament die Ratifizierung der Verträge.
Hätten die Abgeordneten dafür gestimmt, dann würden im heutigen Europa deutsche Soldaten vielleicht zur Grundausbildung in die Toskana geschickt oder an die belgische Küste. Damals war das allerdings noch nicht geplant - allein schon wegen der Sprachbarriere. Englisch war als Verständigungssprache noch nicht so verbreitet wie heute. Und jeden Befehl in vier Sprachen auszugeben hätte wohl eher für Chaos als für Ordnung gesorgt.
Deutsche, niederländische oder italienische Soldaten hätten aber alle die gleichen Uniformen getragen und wären ab der Divisionsebene mit Truppen aus den Partnerländern zusammengelegt worden, mit einem europäischen Oberkommando an der Spitze. "Das wäre dann die europäische Säule der Nato geworden", sagt der Historiker Wilfried Loth. Und: "Es hätte dann keine französische, sondern eine europäische Atommacht gegeben."
Diskussion um Verkehrsgemeinschaft
"Nach dem Scheitern der EVG 1954 gab es dann eine ganze Reihe anderer Vorschläge, welche Politikfelder man auf europäischer Ebene integrieren könnte", sagt Loth. Diskutiert wurden zum Beispiel eine Forschungsgemeinschaft und eine zentrale Landwirtschaftsbehörde. Und auch eine Verkehrsgemeinschaft war geplant: Bahn, Straßen, Schifffahrt und Luftverkehr wären dann alle zentral auf europäischer Ebene koordiniert worden. Zwar wären die Bundesbahn und der französische Betreiber SNCF nicht unbedingt zusammengelegt worden. Aber: "Bei der ganzen Privatisierungsangelegenheit müsste sich die Bahn heute nicht mit der Bundesregierung herumschlagen, sondern mit der Kommission", erläutert Loth.
Der Vorschlag einer Union zwischen Großbritannien und Frankreich hat übrigens eine Vorgeschichte: "Großbritannien hat Frankreich 1940 nach der Niederlage gegen die Deutschen genau das angeboten", sagt Loth. Gemeinsam wollten Briten und Franzosen die Nationalsozialisten bekämpfen. Damals entschied Frankreich sich dagegen.