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Merken   Drucken   05.02.2009, 21:13 Schriftgröße: AAA

Agenda: Anleger meiden Liechtenstein

Dossier Ein Jahr nach Beginn der Zumwinkel-Affäre liegt der Finanzplatz Liechtenstein am Boden: Verunsicherte Anleger meiden das Steuerparadies, Banker bangen um ihre Existenz. Der Fürst will den Neuanfang - doch dafür muss er das Bankgeheimnis aufbrechen. von Claus Hecking (Vaduz)
Dieser anonyme Brief. Er macht Andrea Matt Angst. Als die Fraktionsvorsitzende von Liechtensteins einziger Oppositionspartei Freie Liste neulich ein absenderloses Kuvert öffnete, entdeckte sie ein Foto von sich - mit ausgestochenen Augen. "Für einige Menschen hier sind wir Verräter", sagt Matt.
Die 47-Jährige und ihre Parteifreunde mussten einiges über sich ergehen lassen in den vergangenen Monaten. Landsleute haben sie als Nestbeschmutzer beschimpft, eine "Gruppe für ein selbstbewusstes Liechtenstein" ruft in ganzseitigen Zeitungsanzeigen auf, die grün angehauchte Partei bei der Parlamentswahl am Sonntag zu boykottieren. Und das nur, weil die Freie Liste fordert, Steuerhinterziehung und Steuerbetrug am Finanzplatz Liechtenstein ein Ende zu machen.
"Die Menschen hier versuchen, die Schuld am Debakel auf uns abzuladen", sagt Matt. Dabei kann die Freie Liste mit ihren drei Parlamentssitzen gar nichts für "2/14". So nennen viele hier den 14. Februar 2008. Jenen Tag, an dem der deutsche Post-Chef Klaus Zumwinkel  wegen Steuerhinterziehung mithilfe einer Liechtensteiner Stiftung verhaftet wurde.
Es war ein Skandal, der diplomatische Verwerfungen auslöste. Das Fürstenhaus tobte, warf Deutschland Hehlerei mit gestohlenen Kundendaten vor und sprach vom "Vierten Reich". Bundesfinanzminister Peer Steinbrück drohte im Gegenzug mit Wirtschaftssanktionen. Seitdem ist im Zwergstaat nichts mehr, wie es einmal war.
Angefeindet: Politikerin Andrea Matt   Angefeindet: Politikerin Andrea Matt
Die Affäre hat Liechtensteins 15 Banken und 250 Treuhandkanzleien das Geschäft mit Steuerflüchtlingen aus Deutschland und der ganzen Welt kaputt gemacht. Sie zwingt das Fürstentum mit seinen 35.000 Einwohnern, 45.000 Stiftungen und mehr als 100 Mrd. Euro verwaltetem ausländischem Vermögen, sein über Jahrzehnte ehern gehütetes Bankgeheimnis aufzubrechen. Widerwillig Abschied von einem Modell zu nehmen, das Milliarden gebracht hat.
Walter Matt kann nicht fassen, dass die gute alte Zeit vorbei sein soll. "Wir dürfen nicht zulassen, dass wir geköpft werden", poltert der Treuhänder und klopft wutentbrannt auf seinen Schreibtisch. "Ohne Bankgeheimnis und Steuerattraktivität geht hier alles vor die Hunde." Der 75-Jährige, nicht verwandt mit Andrea Matt, lebt seit fünf Jahrzehnten von der Gründung und Verwaltung von Stiftungen. Nun sieht er seine Branche in ihrer Existenz bedroht. "Wenn alles dem Finanzamt gemeldet wird, wer Geld hier hat, dann können wir alle zumachen", ruft Matt mit hochrotem Kopf. Dann reißt ihn der Zorn aus seinem Sessel: "Das ist tödlich! Einfach tödlich!"
Noch sind sie lebendig, die Institute, die ein bitterarmes Bauernland zum reichsten Staat Europas gemacht haben. Hinter dem Vaduzer Ortseingang drängen sie sich auf wenigen Hundert Metern zusammen: Centrum Bank, VP Bank, Liechtensteinische Landesbank (LLB), LGT Treuhand, Principal Vermögensverwaltung.

Teil 2: Ende der Idylle

  • Aus der FTD vom 06.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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