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Merken   Drucken   02.05.2005, 19:47 Schriftgröße: AAA

Agenda: Blairs Triumph auf Knien

Obwohl ihn niemand mehr mag, steuert Premierminister Tony Blair seinen dritten Wahlsieg in Folge an. Dafür ist ihm keine Demütigung zu viel. Blair muss büßen - für den Irak-Krieg und alles andere. von Eva Busse, London
Tony Blair während einer Wahlkampfrede   Tony Blair während einer Wahlkampfrede
Mitreißende Reden hören sich anders an: "Ich weiß, dass viele von euch anderer Meinung sind. Ich verstehe das. Wirklich. Ich respektiere alle, die mir widersprechen." Tony Blair, der in diesem Wahlkampf sehr häufig durch sehr dicke Schminke sehr stark transpiriert, wischt sich den Schweiß von der Stirn: "Viele meinen, dass wir nicht genug getan haben - ich stimme dem zu."
Mucksmäuschenstill bleibt die Stadthalle. Den Vergebung, wenigstens Mitleid heischenden mächtigsten Mann des Königreichs erlöst kein bisschen Beifall. Die versammelten Labour-Mitglieder kennen keine Gnade mit ihrem Chef. Also macht er weiter mit der Selbstgeißelung: "Ich weiß, dass wir nicht genug getan haben - aber wir haben wenigstens damit angefangen."
Wahlkampfplakat der konservativen Opposition Großbritanniens   Wahlkampfplakat der konservativen Opposition Großbritanniens
Missachtung der Wahlkampfkonventionen
Freudvoller wird die Rede des Spitzenkandidaten nicht. Vier Tage vor der britischen Parlamentswahl betreibt Tony Blair noch immer Wahlkampf auf Knien. Er missachtet alle Wahlkampfkonventionen für Amtsträger: Er prahlt nicht, er verspricht nichts, er lobt sich nicht selbst - er grinst nicht einmal. Der einzige Ort, wo der Premierminister derzeit sein breites, bubenhaftes, strahlendes Lächeln zeigt, ist auf den Wahlplakaten der Opposition. Früher sahen die Poster von New Labour so aus. Heute ist über Blairs Strahlen die gehässige Warnung der Tories gekritzelt: "Stell dir noch fünf Jahre mehr davon vor."
Kaum hat Blair in der Stadthalle von Brighton-Hove, einem unberechenbaren Wahlkreis an der Südküste Englands, den letzten, müden Satz gesprochen ("Mit dem Fortschritt dieses Landes müssen wir weitermachen"), geht er. Fünf Hände lustlos beim Rausgehen geschüttelt, das war’s.
Der Mann, der hastig hinter der Bühne verschwindet, ist nur mehr ein Schatten jenes begnadeten Wahlkämpfers, jenes politischen Popstars, Strahlemanns, Wählerbezirzers, Kameraschmeichlers, der in den Wahlkämpfen 1997 und 2001 an keinem Baby vorbeikam, ohne es zu herzen. Der Blair von 2005 hat keinen Spaß mehr am Wahlkampf - was nicht so absurd wäre, wenn er den dritten Wahlsieg in Folge, den absoluten Rekord in der Geschichte von Labour, nicht schon in der Tasche hätte.
Blair weit vorn: Stimmungsumfrage zur Wahl in Großbritannien   Blair weit vorn: Stimmungsumfrage zur Wahl in Großbritannien
Kein Anlass zur Sorge
Keine einzige Meinungsumfrage gibt dem Premierminister Anlass zur Sorge: Mit ihm an der Spitze wird New Labour wieder - und voraussichtlich wieder haushoch - gewinnen. Zwei Tage vor der Wahl stehen Labour bei 39 Prozent, die Konservativen bei 31 Prozent, die Liberalen bei 22 Prozent. Labours derzeitige Luxusmehrheit von 161 Stimmen im Parlament wird schrumpfen, aber nicht dramatisch. Und dennoch übt Blair die Pose des Verlierers. Er ist ein Rekordsieger, der zu Bescheidenheit und Selbstkritik verdammt ist. Denn 44 Prozent der Briten bevorzugen ihn zwar als "den besseren Premierminister" gegen Michael Howard von den Konservativen und Charles Kennedy von den Liberaldemokraten. Gleichzeitig sind jedoch 58 Prozent der Überzeugung, dass "Blair lügt" und kein Vertrauen mehr verdient. Diesmal wird er nicht mehr gewählt, weil die Briten ihn mögen, sondern er wird gewählt werden, obwohl ihn keiner mehr mag. Und das bereitet weder dem Gewählten noch den Wählern erkennbare Freude.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass selbst John Major, in den tiefsten Tiefen seiner Unbeliebtheit, jemals so fertig gemacht wurde", schreibt der Kolumnist des "Observer", Andrew Rawnsley. Es ist, als müssten die Briten ihren Frust, ihren Widerwillen und ihre Enttäuschung über den Regierungschef erst einmal loskriegen, bevor sie ihn wieder wählen können. Der Mann, unter dem Großbritannien die längste Wachstumsperiode seit mehr als 100 Jahren genießt, bekommt derzeit eine Presse, die noch dem schändlichsten politischen Versager Unrecht tun würde. Denn der wirtschaftliche Erfolg der Labour-Regierung, die gesunden Wachstumsraten von 3,1 Prozent im vergangenen und voraussichtlich 3,5 Prozent in diesem Jahr, die geringe Arbeitslosigkeit von 4,7 Prozent, die niedrige Inflation, die niedrigen Zinsen, die schrumpfende Armut - all das ist bereits eingepreist. Dafür wird Blair schließlich wieder gewählt.
Krieg beeinflußt das Wahlergebnis kaum
Bis es jedoch am Donnerstag so weit ist, werden auf der Insel ganz andere Zahlen beschworen, die am Montag erst aktualisiert werden mussten: die Leben von 88 Soldaten, einer Soldatin, zwei Geiseln und fast 4 Mrd. £, die der Irak-Feldzug bislang gekostet hat. Zwar wird dieser Krieg das Wahlergebnis kaum beeinflussen, doch das Ansehen des Premiers hat stark darunter gelitten. Daran erinnern die britische Öffentlichkeit nicht zuletzt unabhängige Kanditaten wie Reg Keys. Der 52-jährige pensionierte Rettungssanitäter hat seinen Sohn Tom im Irak verloren. Er wurde von einem schiitischen Lynchmob mit 31 Kugeln durchsiebt. Nun tritt Keys in Blairs Heimatwahlkreis Trimdon gegen den Premier an und klagt, sein Sohn sei für eine "schmutzige Lüge" gestorben.
In diesem Sinne kennt das Blair-Bashing keine Grenzen: Salman Rushdie darf den Regierungschef als "Machtfreak in der Schuld religiöser Inquisitoren" verteufeln. Und Michael Boyce, der Oberkommandierende der britischen Armee während der Invasion, tönt: "Falls meine Soldaten und ich (vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag) verurteilt werden, werde ich dafür sorgen, dass wir nicht allein ins Gefängnis gehen."
Blair hat mittlerweile seinen eigenen Weg gefunden, mit der Kritik am Waffengang umzugehen, irgendwo zwischen Demut und Trotz. Als der BBC-Interviewer Jeremy Paxman ihn unverblümt fragte: "Müssen Sie sich nicht eigentlich entschuldigen?", antwortete der Premier: "Sehen Sie, ich musste eine Entscheidung treffen, damals, im März 2003." Oder er windet sich mit dem Vorschlag heraus, das Thema zu wechseln: "Wissen Sie, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Leute meine Meinung nicht mehr hören wollen. Je mehr ich mich ihnen erkläre, desto mehr gehe ich ihnen auf den Geist."
Von Blair bleiben nur seine Wahlkämpfe in Erinnerung
Zur Demütigung des derzeitigen und künftigen Premierministers tragen auch die eigenen Verbündeten bei. Geoff Mulgan, ein ehemaliger Berater des Premierministers, bedauert öffentlich, dass Blair nicht für seine Regierungsarbeit in Erinnerung bleiben werde, sondern nur für seine Wahlkämpfe. New Labour sei kein innovatives politisches Projekt, sondern nur eine fantastische Wahlsiegmaschine, meint Mulgan.
Die Maschine läuft: Denn wenn nicht alles täuscht, hat der Masochismus in Blairs Wahlkampf Methode. Der Regierungschef scheut die Marter der Kritik nicht, er sucht sie. Unzählige Male hat er sich in hocherhitzte Fernsehstudios setzen lassen, um von aufgebrachten Wählern in Echtzeit angeschrien zu werden. Als wollte er sie von ihrem Ärger befreien, damit sie anschließend wieder ihr Kreuz bei ihm machen.
Um trotz allen Vertrauensverlusts wieder gewählt zu werden, hat Blair nicht nur mit angesehen, wie sein Konterfei aus den Wahlbroschüren von Labour verschwand. Er hat geduldet, dass viele der um ihren Job bangenden Parlamentsabgeordneten von Labour ihren Wahlkreis zur "Tony-freien Zone" erklärt haben. Er war bereit, den Personenwahlkampf aufzugeben und das Rampenlicht, das bislang ihm allein gehörte, mit dem gesamten Kabinett zu teilen.
Schatzkanzler Gordon Brown (li.) und Premierminister Tony Blair   Schatzkanzler Gordon Brown (li.) und Premierminister Tony Blair
Starker Machtwille
So stark ist sein Machtwille, dass er sogar seinen ewig vertrösteten Thronfolger Gordon Brown endgültig auf den Schild hob. Weil er die Unterstützung des beliebteren Schatzkanzlers im Endspurt des Wahlkampfs unbedingt brauchte, erkaufte er sie mit den Worten: "Gordon wäre ein großartiger Premierminister." Und falls er immer noch nicht genug Demut gezeigt hatte, schrieb er schwarz auf weiß ins Parteiprogramm - wohlgemerkt in die Einleitung, sozusagen als erstes Wahlversprechen -, dass dies für ihn der "letzte Wahlkampf als Führer meiner Partei und Premierminister unseres Landes" sei.
Damit hat Blair dem Wahlsieg zuliebe in Kauf genommen, dass spätestens ab Freitag die heißeste Frage des Königreichs lautet: Wann geht er? Längst sprießen die Spekulationen, wie lange er sich mit welchem Wahlergebnis halten können wird. Die "Mail on Sunday" berichtete am Wochenende von einer "Verschwörung, den Premier nur Tage nach dem Sieg zu schassen". Details werden kolportiert, wie die Machtübergabe von Blair zu Brown angeblich vonstatten gehen soll.
Liberalenchef Charles Kennedy, Partei- und Regierungschef Tony ...   Liberalenchef Charles Kennedy, Partei- und Regierungschef Tony Blair und Tory-Führer Michael Howard (v.l.)
"Lahme Ente"
Die Vorsitzenden der Oppositionsparteien, Michael Howard und Charles Kennedy, bespötteln Blair seit langem als "lahme Ente". Dabei wird vergessen, wie sehr Labour davon profitiert, dass Blair seinen Rivalen nie kaltgestellt hat. Anders als Margaret Thatcher wird er keine kopflose Opposition, sondern eine handlungsfähige Regierung unter Brown hinterlassen. Es werden sogar Wetten angenommen, dass der Premierminister schon am Wahltag geht. Sie stehen allerdings nur bei 1 zu 5000.
Darauf, dass der alte neue Regierungschef am Donnerstag jedoch dem Himmel danken wird, dass der Wahlkampf und sein ganz persönlicher Horrortrip vorbei sind, kann man getrost wetten. Am Sonntag in der Stadthalle von Brighton-Hove wurde ihm sogar noch nachgetreten, als er von der Bühne verschwunden war. "Auch ich bin unglücklich über den Krieg. Und nicht nur über den Krieg - über viele Sachen, die dieser Premierminister angestellt hat", sagte Blairs Nachredner und legte das anscheinend beste Argument für die Blair-Wahl nach: "Aber wenigstens kann man ihm das offen sagen." Da endlich applaudierte das parteitreue Publikum - nicht frenetisch, aber wenigstens dankbar.
  • Aus der FTD vom 03.05.2005
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