Blair weit vorn: Stimmungsumfrage zur Wahl in Großbritannien
Kein Anlass zur Sorge
Keine einzige Meinungsumfrage gibt dem Premierminister Anlass zur Sorge: Mit ihm an der Spitze wird New Labour wieder - und voraussichtlich wieder haushoch - gewinnen. Zwei Tage vor der Wahl stehen Labour bei 39 Prozent, die Konservativen bei 31 Prozent, die Liberalen bei 22 Prozent. Labours derzeitige Luxusmehrheit von 161 Stimmen im Parlament wird schrumpfen, aber nicht dramatisch. Und dennoch übt Blair die Pose des Verlierers. Er ist ein Rekordsieger, der zu Bescheidenheit und Selbstkritik verdammt ist. Denn 44 Prozent der Briten bevorzugen ihn zwar als "den besseren Premierminister" gegen Michael Howard von den Konservativen und Charles Kennedy von den Liberaldemokraten. Gleichzeitig sind jedoch 58 Prozent der Überzeugung, dass "Blair lügt" und kein Vertrauen mehr verdient. Diesmal wird er nicht mehr gewählt, weil die Briten ihn mögen, sondern er wird gewählt werden, obwohl ihn keiner mehr mag. Und das bereitet weder dem Gewählten noch den Wählern erkennbare Freude.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass selbst John Major, in den tiefsten Tiefen seiner Unbeliebtheit, jemals so fertig gemacht wurde", schreibt der Kolumnist des "Observer", Andrew Rawnsley. Es ist, als müssten die Briten ihren Frust, ihren Widerwillen und ihre Enttäuschung über den Regierungschef erst einmal loskriegen, bevor sie ihn wieder wählen können. Der Mann, unter dem Großbritannien die längste Wachstumsperiode seit mehr als 100 Jahren genießt, bekommt derzeit eine Presse, die noch dem schändlichsten politischen Versager Unrecht tun würde. Denn der wirtschaftliche Erfolg der Labour-Regierung, die gesunden Wachstumsraten von 3,1 Prozent im vergangenen und voraussichtlich 3,5 Prozent in diesem Jahr, die geringe Arbeitslosigkeit von 4,7 Prozent, die niedrige Inflation, die niedrigen Zinsen, die schrumpfende Armut - all das ist bereits eingepreist. Dafür wird Blair schließlich wieder gewählt.
Krieg beeinflußt das Wahlergebnis kaum
Bis es jedoch am Donnerstag so weit ist, werden auf der Insel ganz andere Zahlen beschworen, die am Montag erst aktualisiert werden mussten: die Leben von 88 Soldaten, einer Soldatin, zwei Geiseln und fast 4 Mrd. £, die der Irak-Feldzug bislang gekostet hat. Zwar wird dieser Krieg das Wahlergebnis kaum beeinflussen, doch das Ansehen des Premiers hat stark darunter gelitten. Daran erinnern die britische Öffentlichkeit nicht zuletzt unabhängige Kanditaten wie Reg Keys. Der 52-jährige pensionierte Rettungssanitäter hat seinen Sohn Tom im Irak verloren. Er wurde von einem schiitischen Lynchmob mit 31 Kugeln durchsiebt. Nun tritt Keys in Blairs Heimatwahlkreis Trimdon gegen den Premier an und klagt, sein Sohn sei für eine "schmutzige Lüge" gestorben.
In diesem Sinne kennt das Blair-Bashing keine Grenzen: Salman Rushdie darf den Regierungschef als "Machtfreak in der Schuld religiöser Inquisitoren" verteufeln. Und Michael Boyce, der Oberkommandierende der britischen Armee während der Invasion, tönt: "Falls meine Soldaten und ich (vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag) verurteilt werden, werde ich dafür sorgen, dass wir nicht allein ins Gefängnis gehen."
Blair hat mittlerweile seinen eigenen Weg gefunden, mit der Kritik am Waffengang umzugehen, irgendwo zwischen Demut und Trotz. Als der BBC-Interviewer Jeremy Paxman ihn unverblümt fragte: "Müssen Sie sich nicht eigentlich entschuldigen?", antwortete der Premier: "Sehen Sie, ich musste eine Entscheidung treffen, damals, im März 2003." Oder er windet sich mit dem Vorschlag heraus, das Thema zu wechseln: "Wissen Sie, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Leute meine Meinung nicht mehr hören wollen. Je mehr ich mich ihnen erkläre, desto mehr gehe ich ihnen auf den Geist."
Von Blair bleiben nur seine Wahlkämpfe in Erinnerung
Zur Demütigung des derzeitigen und künftigen Premierministers tragen auch die eigenen Verbündeten bei. Geoff Mulgan, ein ehemaliger Berater des Premierministers, bedauert öffentlich, dass Blair nicht für seine Regierungsarbeit in Erinnerung bleiben werde, sondern nur für seine Wahlkämpfe. New Labour sei kein innovatives politisches Projekt, sondern nur eine fantastische Wahlsiegmaschine, meint Mulgan.
Die Maschine läuft: Denn wenn nicht alles täuscht, hat der Masochismus in Blairs Wahlkampf Methode. Der Regierungschef scheut die Marter der Kritik nicht, er sucht sie. Unzählige Male hat er sich in hocherhitzte Fernsehstudios setzen lassen, um von aufgebrachten Wählern in Echtzeit angeschrien zu werden. Als wollte er sie von ihrem Ärger befreien, damit sie anschließend wieder ihr Kreuz bei ihm machen.
Um trotz allen Vertrauensverlusts wieder gewählt zu werden, hat Blair nicht nur mit angesehen, wie sein Konterfei aus den Wahlbroschüren von Labour verschwand. Er hat geduldet, dass viele der um ihren Job bangenden Parlamentsabgeordneten von Labour ihren Wahlkreis zur "Tony-freien Zone" erklärt haben. Er war bereit, den Personenwahlkampf aufzugeben und das Rampenlicht, das bislang ihm allein gehörte, mit dem gesamten Kabinett zu teilen.