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Merken   Drucken   22.10.2010, 21:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Briten trauern ihrer Industrie hinterher

Kein Land setzte in den vergangenen Jahrzehnten stärker auf Dienstleister und Staat als Arbeitgeber als die Wiege der Industrialisierung. In Zeiten der massiven Einschnitte sehnen sich viele zurück nach der guten alten Zeit. Doch es ist zu spät. von Nicola de Paoli, Derby/Liverpool
Erfolg kann so leise sein: Im ersten Stock der Rolls-Royce-Fabrik in Derby beugen sich Ingenieure über ihr Zeichenpapier, während unten im Erdgeschoss die Roboter zufrieden vor sich hin schnurren. Zack-zack-zack stanzen sie Löcher in Metall, fein wie Nadelstiche. Produktionschef Hamid Mughal wiegt prüfend ein Bauteil in seiner Hand. Es wird in die Motoren der neuen Boeing 787 eingebaut, muss Hitze, Kälte und zur Not auch den Zusammenstoß mit einer verirrten Wildgans aushalten. 10.000 Dollar kostet so ein Teil. Das Patent dafür ist eines von 350, die Rolls-Royce jedes Jahr anmeldet. Eine Verlagerung der Produktion ins Ausland erscheint Hamid völlig abwegig: Es sei doch Gold wert, dass Ingenieure, Design und Produktion unter einem Dach arbeiteten: "Das schafft einzigartige Lösungen."
Arbeiten an einer Rolls-Royce-Turbine   Arbeiten an einer Rolls-Royce-Turbine
Der Triebwerkehersteller in der mittelenglischen Stadt ist so etwas wie die Vorzeigefabrik des Vereinigten Königreichs: sauber, effizient, profitabel. Im Auftragsbuch stehen Bestellungen für 58 Mrd. Pfund. Der Umsatz soll sich bis 2020 auf 20 Mrd. Pfund verdoppeln. Vor über 100 Jahren kamen die Firmengründer Charles Rolls und Henry Royce in die Stadt, um Autos zu produzieren. Heute fertigen in dem Werk 11.000 Menschen Flugzeugturbinen. Zu den Nachbarn von Rolls-Royce  zählen Unternehmen wie Bombardier , Toyota  und Alstom . Zwölf Prozent der Beschäftigten in Derby arbeiten in der Hightechbranche, nur im Großraum London ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen höher.
Neidvoll schaut Großbritannien auf die Industriestadt Derby. Das war nicht immer so. Wer in den vergangenen Jahren von einer "modernen Wirtschaft" sprach, meinte Dienstleistungen. Hunderttausende Jobs entstanden bei Banken und in der öffentlichen Verwaltung. Der Ausbruch der Finanzkrise und die rasant wachsende Staatsverschuldung haben die Sichtweise radikal verändert. Am Mittwoch verkündete Premierminister David Cameron die härtesten Einschnitte im öffentlichen Sektor seit dem Zweiten Weltkrieg: 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst fallen in den kommenden vier Jahren weg. Und ausgerechnet das produzierende Gewerbe soll nun die Jobs schaffen, die so dringend benötigt werden. "Die nächsten zehn Jahre müssen das Jahrzehnt der Unternehmer werden", sagt Cameron. Das ganze Land hofft auf eine neue industrielle Revolution. Und viele fürchten, dass sie zu spät kommt.
"Black Country" - schwarzes Land, so wurde Mittelengland einst genannt, weil dort die Fabrikschlote dicken Qualm in die Luft bliesen. In Manchester klackerten die Webstühle, in Birmingham wurden Stahlträger gegossen und Autos gebaut. Von Liverpool aus schickte das Empire seine Waren in die Welt. In den 70er-Jahren versiegte der Warenstrom. Laut OECD ist seither in keinem anderen Industriestaat der Anteil der Arbeitsplätze in der Produktion so stark geschrumpft wie in Großbritannien.
Während die Franzosen selbst die Parfümherstellung zur strategisch wichtigen und schützenswerten Branche erklärten, verscherbelten die Briten ihre Fabriken: Bentley, Jaguar oder Landrover sind längst keine britischen Marken mehr. Der Süßwarenkonzern Cadbury ging dieses Jahr an den US-Konzern Kraft Foods , was Erinnerungen weckte an die frühen 90er-Jahre, als die Amerikaner in York den Wettbewerber Terry's übernahmen. Die Fabrik wurde geschlossen, die Arbeitsplätze nach Osteuropa verlegt.
Nicht überall, wo in den vergangenen Jahrzehnten Produktionsbetriebe dichtgemacht wurden, rückten Dienstleister nach. Als Ersatz für die wegfallenden Industriejobs wurden stattdessen vielerorts Stellen in der Verwaltung geschaffen.

Teil 2: Liverpool hängt vom öffentlichen Sektor ab

  • Aus der FTD vom 23.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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