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Merken   Drucken   04.05.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Das Beben von Lissabon

Portugal gilt als der nächste Pleitekandidat in Europa. Wie Griechenland hat der Staat ebenfalls über seine Verhältnisse gelebt. Mit den Hellenen wollen sich viele Portugiesen trotzdem nicht vergleichen lassen. von Matthias Lambrecht, Almada
Die drohende Katastrophe dringt über den kleinen Fernseher auf dem Ecktisch in den Friseursalon von Silvino Oliveira. Politikerköpfe mit Mikrofonen wechseln sich dort ab. "Crise financeira" steht auf dem dicken, roten Balken am unteren Rand des Bildschirms. Den Ton hat Oliveira längst abgestellt. "Diese ewigen Berichte in den Medien machen den Leuten nur Angst", schimpft er. "Dabei sind wir schlechte Nachrichten doch seit Jahren gewohnt."
Diesmal aber ist es anders. Die Horrormeldungen von den Finanzmärkten haben die Politiker in Lissabon in hektische Betriebsamkeit verfallen lassen. Regierung und Opposition sind sich weitgehend einig, dass schmerzhafte Kürzungen notwendig sind, um Portugals Defizit schnell wieder zurückzufahren.
Schuldenstaat Die Gründe für das portugiesische Desaster
Auch unter Oliveiras Kunden wächst die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Es wächst die Sorge, um den Wohlstand gebracht zu werden, den sie sich in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut haben. Und es wächst der Ärger, dass sich andere dabei die Taschen füllen. "Es sind am Ende wieder die Eliten, die am besten dastehen", wettert Oliveira.
Von Revolution oder Aufruhr wie in Griechenland indes ist in den Straßen der Altstadt von Almada nichts zu spüren. Dabei ist die 160.000-Einwohner Stadt eine alte Hochburg der Kommunisten. Sie liegt am Südufer des Rio Tejo und ist durch eine riesige Brücke mit der Hauptstadt Lissabon verbunden.
Wie unter einem Brennglas bündeln sich hier die Probleme der Vergangenheit, aber auch die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Denn eines ist vielen Portugiesen klar: Auch sie haben über ihre Verhältnisse gelebt. Auch sie sind verwundbar geworden. Doch eines wollen sie trotzdem nicht sein: das nächste Griechenland. Und geschummelt haben sie schon gar nicht. "Unsere Krise ist ganz anders", sagt Ulisses Garrido, Vorstandsmitglied des größten portugiesischen Gewerkschaftsbunds CGTP. "Aber wir sind den gleichen spekulativen Attacken ausgesetzt: Portugal ist nach Griechenland dran. Spanien steht an dritter Stelle auf der Liste."
Der freundliche runde Herr im beigen Polohemd ist in diesen Tagen der Mann, der den Widerstand organisiert. Die Wut vieler Portugiesen auf die Spekulanten ist auch eine gute Gelegenheit, die eigene Basis auszubauen. Zehntausende Mitglieder hat der den Kommunisten nahestehende CGTP in den vergangenen Jahren verloren. Nun wird gekämpft.

Teil 2: Jahre des Wachstums sind längst vorbei

  • Aus der FTD vom 04.05.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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