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Merken   Drucken   24.02.2008, 20:12 Schriftgröße: AAA

Agenda: Ein Staat sucht Heinrich K.

Die Steueraffäre versetzt Liechtenstein in helle Aufregung. Die Menschen haben ihr Urteil gefällt: Schuld am Imageschaden sind die Deutschen - und der untergetauchte Informant. Wie konnte er nur die brisanten Daten weitergeben? von Jan Keith (Mauren)
Zwei Minuten, vielleicht drei. Länger braucht man nicht, um diesen Ort zu durchfahren. Mauren, Fürstentum Liechtenstein. 3097 Einwohner, zwei Bäckereien, ein Supermarkt. Dazu eine Kirche, eine Schule, ein Bauunternehmen. Ab und zu braust ein Auto vorbei an den alten Bauernhäusern aus Holz, aber fast nie hält eins an. So als wollten die Fahrer den Bewohnern signalisieren: Nichts wie weg hier, denn bei euch im Dorf hat er doch gelebt: Heinrich K., jener Mann, der den deutschen Geheimdienstlern möglicherweise die gestohlenen Daten Hunderter mutmaßlicher Steuerhinterzieher verkauft hat.
Drüben im Gasthaus "Zum Hirschen" sitzen sie, essen Geschnetzeltes - und diskutieren: "Wie konnte Heinrich das nur tun?" Das Haus, in dem er aufwuchs, liegt nur ein paar Hundert Meter vom Hirschen entfernt, ein schmuckloser Bau mit heller Steinfassade und Fensterläden aus Holz. Die Eltern waren früher Stammkunden hier. "Ich kenne ihn", sagt Markus Bühler, der bullige Wirt. "Für uns ist er ein Landesverräter." Und eine Frau poltert: "Der wird keinen Fuß mehr in unser Land setzen."
Die Zweifel, ob Heinrich K. tatsächlich der gesuchte Informant ist, werden täglich größer. Denn der BND soll auch über Daten von einer zweiten Bank verfügen, an die K. nicht hätte herankommen können. Doch Liechtenstein hat seinen Buhmann gefunden. Es passt ja auch so gut: Heinrich K., ein Verlierertyp, ein "Schnorrer", der immer Pech hatte im Leben. Ganz Liechtenstein wüsste nur zu gern, wo der 42-Jährige jetzt ist. In Australien vielleicht, wie es zunächst hieß? Oder im schweizerischen Bellach, wie das Boulevardblatt "Blick" vermutet? Staatsanwalt Robert Wallner jedenfalls sucht nach ihm, auch wenn er seinen Namen nicht nennen mag - wegen Verletzung des Betriebsgeheimnisses der fürstlichen LGT Bank zugunsten des Auslands.
Wappen des Fürstentums Liechtenstein: Ein Land im kollektiven ...   Wappen des Fürstentums Liechtenstein: Ein Land im kollektiven Schockzustand
Was war das für eine stürmische Woche in Liechtenstein! So etwas hat der Kleinstaat noch nie erlebt, obwohl er in der Vergangenheit schon mit zahlreichen Finanzskandalen in Verbindung gebracht worden ist. Die Affäre um Hunderte deutsche Steuerflüchtlinge - darunter Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel  -, die ihre Millionen am Fiskus vorbei in Liechtensteiner Stiftungen versteckt haben sollen, hat das Fürstentum mit aller Härte erwischt. Ausgerechnet jetzt, da die Regierung gerade ein neues Stiftungsrecht ausgearbeitet hat - und der Schengen-Beitritt kurz bevorsteht. Das Timing könnte kaum schlechter sein. "Das Fürstentum war in vielerlei Hinsicht auf einem sehr guten Reformweg", sagt Martin Wenz, Professor für Steuerlehre an der Hochschule Liechtenstein. Und nun ist auf einen Schlag das Image ramponiert. Das Land befindet sich in einem kollektiven Schockzustand.
Es ist eine Mischung aus Entsetzen und Empörung in einem Land, das gerade mal 35.000 Einwohner hat - und in dem 30 Prozent des Inlandsprodukts von der Finanzbranche erwirtschaftet werden. Vor allem die Kritik aus Berlin, das Fürstentum helfe Deutschen bei der Hinterziehung von Steuern, macht die Liechtensteiner wütend. Menschen wie Cornelia Gassner, eine Rechtsanwältin und Treuhänderin. Zu ihrem Job gehört es, für Kunden aus aller Welt Stiftungen zu gründen und zu verwalten. Wie es die Treuhandtochter der LGT tut, nur in kleinerem Maßstab. Jetzt sitzt Gassner in ihrem Büro in Schaan, einem Nachbarort von Vaduz, kramt in Unterlagen und schimpft: Die Töne aus Berlin seien "erschütternd" und "ungerecht". "Wir tun alles dafür, unseren Finanzplatz sauber zu halten." Dubios seien ja die deutschen Methoden. Dass der BND gestohlene Bankdaten für 4,2 Mio. Euro gekauft habe, "ist nicht rechtens", sagt sie. Es sei "ein Angriff der Deutschen". Was denn sonst?
Erbprinz Alois von Liechtenstein: "Völlig überrissener ...   Erbprinz Alois von Liechtenstein: "Völlig überrissener Angriff"
Erbprinz übt sich in Kriegsrhetorik
Nicht nur die örtlichen Zeitungen hatten sich dieser Kriegsrhetorik in den vergangenen Tagen bedient. Auch seine Durchlaucht höchst selbst fand Gefallen daran. Wenig fürstlich sprach Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein vorige Woche von einem "völlig überrissenen Angriff" gegen das Fürstentum und warf den deutschen Behörden "Hehlerei im großen Stil" vor. Die Steueraffäre sei kurz vor dem Staatsbesuch von Regierungschef Otmar Hasler in Berlin gezielt lanciert worden.
Das Volk ist begeistert von seinem zornigen Prinzen. Er habe den Menschen aus der Seele gesprochen, heißt es. Sogar Ex-Regierungschef Mario Frick, der sich vor Jahren mit dem Fürstenhaus überworfen hat, ist voll des Lobes: "Die Rede des Erbprinzen kam bei den Menschen in Liechtenstein gut an. Das hat Alois gut gemacht." So gut, dass für kurze Zeit der Ursprung allen Unglücks vergessen schien: Das Leck in den eigenen Reihen, die ominöse Daten-DVD, die von der LGT Treuhand nach Deutschland gelangte. Irgendwie.

Teil 2: Der Ort für die wichtigsten Kundengespräche

  • Aus der FTD vom 25.02.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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