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Merken   Drucken   05.06.2007, 19:22 Schriftgröße: AAA

Agenda: Extrem in der Mitte

Im Herzens Europas prosperiert eine der extremistischsten Parteien des Kontinents. Der Vlaams Belang ist in Belgien zur Volkspartei geworden. Bei den Parlamentswahlen rechnen die Rechtsradikalen wieder mit einem Sieg. von Claus Hecking (Antwerpen)
Vlaams-Belang-Fraktionschef Gerolf Annemans, Parteichef Frank ...   Vlaams-Belang-Fraktionschef Gerolf Annemans, Parteichef Frank Vanhecke, der flämische Fraktionsvorsitzende Filip Dewinter und Anke Vandermeersch, ehemalige Miss Belgien (v.l.)
Der kahl geschorene Mann mit der Hinterkopf-Tätowierung und den Springerstiefeln trägt nur unter den Fingernägeln Trauer. Aber die ältere Dame neben ihm im schwarzem Faltenrock stört das kaum. Sie ist erleichtert: Gerade hat sie noch einen der letzten Sitzplätze in Antwerpens überfüllter Kathedrale ergattert. Und so darf sie Karel Dillen gleich die letzte Ehre erweisen, anders als Hunderte Menschen draußen vor der Tür, die nicht mehr hineinpassen.
Die Totenmesse für den rechtsnationalistischen Politiker ist ein gesellschaftliches Ereignis in Flandern, Belgiens niederländischsprachigem Norden. Vier Fernsehteams sind an diesem sonnigen Mai-Samstag gekommen, an die 2000 Besucher drängen sich im Gotteshaus zusammen.
Ganz vorne sitzt die Führungsriege von Dillens Partei Vlaams Belang. Hinten über 120 Aktivisten, die dem Leichenwagen Spalier gestanden haben mit ihren Parteibannern. Dazwischen die einfachen Mitglieder, die Sympathisanten. Und als der fahnengeschmückte Holzsarg hineingetragen wird, schnellen sie alle hoch, gleichzeitig, wie auf Kommando. "Wir sind hier, um Abschied zu nehmen von einem großem Mann", sagt der Pfarrer. Es wirkt wie ein Staatsbegräbnis. Aber es ist keines. Auf Dillens Sarg liegt nicht die schwarz-gelb-rote Trikolore, Belgiens Nationalflagge. Sondern ein schwarzer Löwe auf gelbem Grund: die Fahne Flanderns. Karel Dillen war kein Freund Belgiens. Er war erklärter Staatsfeind.
Kamele durch die Stadt getrieben
"Belgien zerspringe", lautete der Schlachtruf des Vlaams Blok ("flämischer Block"), der rechtsradikalen Separatistenpartei, die Dillen 1977 ins Leben rief. 2004 verbot Belgiens oberster Gerichtshof die Organisation - wegen Rassismus. Beeinträchtigt hat sie das kaum, noch am selben Tag gründete sie sich neu, als Vlaams Belang ("flämisches Interesse"), mit denselben Prinzipien, demselben Personal, demselben Parteislogan.
Flanderns Wähler sind ihr gewogener denn je. Jüngsten Umfragen zufolge wird sie bei der belgischen Parlamentswahl am kommenden Sonntag zwischen 21 und 24 Prozent der flämischen Stimmen bekommen und zweitstärkste Kraft im Norden werden - hinter den Christdemokraten und weit vor den Liberalen von Ministerpräsident Guy Verhofstadt. Vor einigen Monaten lag der Vlaams Belang (VB) sogar zeitweise auf Platz eins. Für ganz Belgien.
Im Herzen Europas, rund um die EU-Kapitale Brüssel, gedeiht eine der erfolgreichsten rechtsextremen Parteien des Kontinents. Seit 1985 hat der VB bei jeder der 16 nationalen, regionalen, kommunalen oder europäischen Wahlen Stimmen dazugewonnen, trotz - oder gerade wegen seiner Radikalität. Schon in der Präambel zu seinem "orangen Büchlein", der Bibel der Bewegung, fordert Parteigründer Dillen die "Rückkehr der großen Mehrheit der nicht-europäischen Gastarbeiter in ihr Heimatland" innerhalb "einer absehbaren Zeit". Und dazu die Abspaltung Flanderns vom französischsprachigen Wallonien.
An diesen beiden Prinzipien halten seine Erben fest. Parteichef Frank Vanhecke und der Fraktionsvorsitzende im flämischen Parlament Filip Dewinter, die Dillen bereits Mitte der 90er-Jahre entmachteten, fordern Belgiens Auflösung, sprechen von der "Invasion des Islam", warnen vor einem "Bürgerkrieg" mit Immigranten - und wollen selbst eingebürgerte Belgier mit doppelter Staatsangehörigkeit schon bei der geringsten Straftat abschieben lassen. Dewinter bezeichnete die Menschenrechte einst sogar als "falsche Scheinwerte". Bei bloßen Parolen lassen sie es nicht mehr bewenden. Dewinter ließ einst Kamele durch Antwerpen treiben, um die vermeintliche Überfremdung anzuprangern. Das kommt an in der früher so weltoffenen Hafenmetropole: Bei der Kommunalwahl im vergangenen Oktober erhielt der VB fast jede dritte Stimme.

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  • Aus der FTD vom 06.06.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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