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Merken   Drucken   07.08.2008, 21:52 Schriftgröße: AAA

Agenda: EZB: Augen zu und durch!

Dossier Jean-Claude Trichet riskiert mit seiner Zinsentscheidung alles: Er bekämpft die Inflation statt das Wachstum anzukurbeln. Liegt der EZB-Präsident richtig, wird er zur Legende. Scheitert er, reißt er Europas Wirtschaft in den Abgrund. von Mark Schrörs (Frankfurt) und Lorenz Wagner (Hamburg)
Ein wichtiger Tag im Frankfurter Eurotower. Zinsentscheidung. Und die Europäische Zentralbank tut es tatsächlich, besser gesagt: Sie tut es nicht! Keine Zinssenkung. Fragen über Fragen. Mittendrin Jean-Claude Trichet, mit verkniffenen Augen und knappen Antworten. Ob ihn der Abschwung in Europa nicht überrascht habe? "Ich würde nicht sagen, dass wir überrascht sind", sagt Trichet und macht einen Schwenk zu seiner Zinspolitik. Jawohl, es ist richtig, nicht zu senken. Jawohl, es war richtig, sie noch Anfang Juli zu erhöhen: "Die Informationen, die wir seit unserem letzten Treffen bekommen haben, haben unser Urteil untermauert." Punkt.
Mit dieser Einschätzung macht er sich keine Freunde. Ob Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, das Europäische Parlament oder Volkswirte der Deutschen Bank und der französischen BNP Paribas - sie alle schütteln den Kopf über das Treiben im Eurotower. "Die EZB hat die Folgen der Finanzkrise unterschätzt und mit ihrem Kurs die Probleme noch verschärft", sagt Bofinger, der 2004 fast Präsident der Deutschen Bundesbank geworden und so heute EZB-Ratsmitglied wäre.
Trichet gegen alle. Oder zumindest gegen viele. Er kennt das. Vergangenes Jahr hat er sich schon einmal gegen den Trend gestellt. Gehandelt, als andere zögerten. Damals wurde er zum Retter in der Subprime-Krise. Liegt er auch diesmal richtig, wird er zur Legende. Scheitert er aber, reißt er Europas Wirtschaft weiter in den Abgrund.
Dramatische Zeiten
Es sind dramatische Zeiten. Häuserpreisverfall in Irland, Rezession in Spanien, Wachstumseinbruch in Deutschland. Die Volkswirte der Großbank BNP Paribas sprechen von einem "Blutbad", schließen eine Rezession nicht mehr aus. Das macht aus der Routine einer Zinsentscheidung ein Zähneklappern. Politiker, Banker, Ökonomen - alle schauen hin. Und sehen zu ihrem Ärger einen Trichet, der nicht handelt. Die Zinsen bleiben bei 4,25 Prozent.
Einsamer Entscheider: Jean-Claude Trichet schockt mit seinen hohen ...   Einsamer Entscheider: Jean-Claude Trichet schockt mit seinen hohen Zinsen Ökonomen und Politiker in ganz Europa
Nicht, dass es für Trichets Politik keinen Grund gäbe. Senkt er wie gefordert die Zinsen, droht die Inflation außer Kontrolle zu geraten. Getrieben durch explodierende Preise für Energie und Nahrungsmittel ist die Teuerung in diesem Jahr so hoch wie nie, seit es den Euro gibt. "Wir tun, was nötig ist, um für stabile Preise für unsere 320 Millionen Bürger zu sorgen", sagt Trichet.
Sein Selbstvertrauen schöpft er aus dem vergangenen Jahr. Da zeigte Europas oberster Notenbanker - so die Experten - den Kollegen aus Großbritannien und den USA, wie gute Geldpolitik geht. Als im Sommer 2007 die US-Immobilienkrise die Welt überrollt und der Geldmarkt auszutrocknen droht, reagiert er schnell und entschlossen. Aus dem Urlaub ruft er seine Direktoriumskollegen zusammen, die EZB pumpt 95 Mrd. Euro in den Geldmarkt.

Teil 2: Über allem steht die Währungsstabilität

  • Aus der FTD vom 08.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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