Spanische Exklaven in Marokko
"Gegen so eine Übermacht hast du kaum eine Chance", sagt ein Grenzpolizist der spanischen Guardia Civil, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir können die Leute ja nicht erschießen. Also kannst Du nur versuchen, sie einzeln abzufangen. Da hast du von vornherein verloren." An den zwei zehn Kilometer langen Grenzzäunen von Melilla patrouillieren jetzt jede Nacht 300 Wachleute. Weniger als die Hälfte der gut 700 Afrikaner, die allein in der Nacht zum Montag auf sie zustürmten. "Sie greifen normalerweise auf einer Länge von 50 Metern an. Da kannst du dir ausrechnen, wie viele auf jeden Mann kommen."
Erschwerend kommt hinzu, dass die Wachleute, die weiter entfernt auf Patrouille sind, ihre Posten nicht aufgeben dürfen, um den Kollegen bei einem Ansturm zu Hilfe zu eilen. "Es könnte ja sein, dass das in der Zwischenzeit eine weitere Gruppe ausnutzt", sagt der Polizist.
Hunderte warten im Kiefernwald
In den Bergen und Wäldern hinter dem Zaun warten noch Hunderte von Flüchtlingen auf den geeigneten Moment, um Spaniens Exklave zu stürmen. Rostrogordo heißt das Stück Kiefernwald, in dem die meisten von ihnen ausharren. Trampelpfade voller leerer und verrosteter Konservendosen führen hier ins Dickicht: Genutzt von denen, die sich hervorwagen, um bei Einheimischen um Nahrungsmittel zu betteln.
Eineinhalb Jahre hat Patrick Houta Bille im Wald von Rostrogordo gelebt. Dreimal hat der Kameruner vergeblich versucht, nach Melilla zu gelangen. "Die marokkanische Polizei hat mich erwischt", sagt er und zeigt auf eine schlecht verheilte Wunde unter seinem schwarzen Kraushaar. "Da hat mir einer was mit seinem Knüppel mitgegeben." Die Marokkaner transportierten ihn und die anderen zurück nach Algerien, über die 150 Kilometer entfernte Grenze. Algerien ist normalerweise die vorletzte Etappe der Afrikaner auf ihrem Weg nach Europa. Bille lief jedes Mal wieder zu Fuß zurück nach Rostrogordo. Zehn Tage lang.
Der Kameruner mag nicht recht begreifen, warum Spanien überhaupt solche Anstrengungen unternimmt, ihn und seinesgleichen fern zu halten. "Man braucht uns doch hier, oder?", fragt er. In Afrika ist nicht verborgen geblieben, dass etwa Spaniens Immobilienboom der vergangenen Jahre ohne die Tausenden willigen Bauarbeiter aus Afrika kaum möglich gewesen wäre. Auch die spanischen Landwirte verlassen sich bei der Ernte vor allem auf willige schwarzafrikanische Erntehelfer. "Vielleicht", rätselt Bille, "stellt Spanien so hohe Hürden auf, damit nur die Besten von uns rüberkommen." Bille will arbeiten, "irgendwas, ich mache alles", sagt er: " Meine Familie in Kamerun wartet, dass ich ihr Geld schicke." Vier Schwestern hat er dort und einen jüngeren Bruder.
Jetzt geht die Angst um
Seit Donnerstagmorgen geht im Aufnahmelager in Melilla allerdings die Angst um: In Windeseile hat sich die Nachricht verbreitet, dass die spanische Vizeministerpräsidentin María Teresa Fernández de la Vega angekündigt hatte, die neusten Flüchtlinge noch im Laufe des Tages nach Marokko abzuschieben. Eine "außergewöhnliche Maßnahme", betonte Fernández de la Vega. Bis zum Abend passierte jedoch nichts.
Ob sich die angekündigten Massenabschiebungen umsetzen lassen, ist ungewiss. Jedenfalls würde es der bisherigen Praxis widersprechen. Spanien hat nur mit Marokko, Ghana, Nigeria und Senegal Rückführungsabkommen. Flüchtlinge anderer Länder konnten bislang davon ausgehen, mit Sondermaschinen aufs Festland gebracht wird. Dort werden die Flüchtlinge in der Regel auf die Regionen verteilt. Länger als 40 Tage dürfen sie nach spanischem Recht nicht festgehalten werden. Dann bekommen die Ankömmlinge einen Ausweisungsbescheid mit der Maßgabe, das Land unverzüglich und auf eigene Kosten zu verlassen. Was natürlich niemand tut. Stattdessen tauchen die Afrikaner unter und bleiben illegal.
Marokko weigerte sich bisher, ein 1992 geschlossenes Abkommen mit Spanien umzusetzen, wonach es illegale Einwanderer aus Drittstaaten zurücknehmen soll. Seit Jahren verhandelt die EU mit Rabat um die Durchsetzung. Doch für Marokko, wo das Durchschnittseinkommen nur etwa ein Sechstel des spanischen beträgt, ist es ungleich schwieriger als für Spanien, Tausende Schwarzafrikaner aufzunehmen. Schließlich genießt die iberische Wirtschaft jährliche Wachstumsraten von rund drei Prozent - und kann billige Arbeitskräfte gebrauchen.
Politische Hintergedanken
Marokko verfolgt die jüngsten Ereignisse in Melilla und in Ceuta überdies mit politischen Hintergedanken: Rabat will die spanischen Exklaven auf marokkanischem Boden zurückhaben. Der Einwanderungsdruck, schreibt die zweitgrößte französischsprachige Zeitung Marokkos, "L'Opinion", sei eine gute Gelegenheit, darüber zu verhandeln.
Mit der Abschiebungsankündigung und der gewaltsamen Verteidigung gegen den jüngsten Ansturm reagiert die sozialdemokratische spanische Regierung auf die harsche Kritik der konservativen Oppositionspartei PP. Melillas Bürgermeister Juan José Imbroda, ein PP-Mann, schimpft mit Unterstützung seiner Parteispitze, die Regierung lasse die eigene Bevölkerung im Stich. Schon ruft Madrid Brüssel zu Hilfe: Auf Bitten des spanischen Außenministers Miguel Moratinos wird eine Gruppe EU-Gesandter nach Marokko reisen, um weitere Maßnahmen gegen den Einwanderungsdruck zu prüfen.
Dem Kameruner Bille aber ist nur wichtig, nach Spanien zu kommen, bevor das Nadelöhr von Melilla ganz geschlossen wird: "Wenn sie mich noch einmal nach Algerien bringen, komme ich wieder. Zurück in meine Heimat kann ich nicht. Das wäre eine Schande. Lieber sterbe ich."